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taz, 31.03.2001

Der Chef als Kumpel

Senija Dendic, Berlin: Inzwischen habe ich echte Erfahrung mit Bewerbungsgesprächen, da ich ziemlich häufig den Job wechsle. Meist arbeite ich in Call-Centern – doch bei einem Bewerbungsgespräch in einem Architekturbüro kam auf den Punkt, was ich an den neuen Chefs so bemerkenswert finde.

Ich hatte mich auf eine sehr offen gehaltene Stellenannonce gemeldet und geriet dort im Büro an einen jungen Mann – jünger als ich –, der hinter einem riesigen Schreibtisch saß. Der fing sofort an, von sich zu erzählen, wie alt er ist, woher er kommt, was er für ein Studium gemacht hat und was danach noch alles. Ich hatte den Eindruck, der wollte sich bei mir bewerben! Mir blieb keine andere Wahl, als ihm innerlich zu applaudieren und mich mit meiner Laufbahn klein und mies zu fühlen – oder mitzuhalten, wobei ich mich natürlich in ein totales Lügengespinst verwickelt hätte. Also habe ich ihn nur angegrinst, was auf ihn etwas dämpfend wirkte. Als er mich dann aufforderte, von mir zu erzählen, habe ich ihn gebeten, mich erst mal aufzuklären, um welche Art von Job es sich handelte. Daraufhin meinte er, das sei von meiner Person abhängig.

Gut, ich habe also kurz aufgezählt, was ich bisher so gemacht habe: Call-Center, Jugendreisebetreuerin, Messen und so weiter, woraufhin von ihm ein »Aha! Aha!« kam. Dann holte er das bei allen Jobinterviews unvermeidliche DIN-A4-Blatt hervor, auf dem er die tollen Verdienst- und Karrierechancen für freie Mitarbeiter aufmalte.

Das Ganze hatte etwas leicht Verschwörerisches, Kumpelhaftes – und das ist heutzutage symptomatisch, gerade in Call-Centern. Man sucht dort ganz gezielt nach Leuten, die sich so sehr in den betriebsinternen Kosmos einfügen, dass man die Belegschaft auch für eine fröhliche Tresenmannschaft halten könnte.

Das ist nur auf den ersten Blick eine angenehme Sache, weil mit dieser Kumpelhaftigkeit verschleiert wird, dass selbst bei stumpfen Geldjobs inzwischen mehr verlangt wird, als diese und jene Arbeit zu verlässlichen Konditionen zu erledigen. Call-Center wollen mehr von einem, oft geht es darum, mit seinem Enthusiasmus dazu beizutragen, die Unsicherheiten bei Firmengründungen zu übertünchen. Die rufen sogar nachts manchmal an und fragen, ob man nicht schnell noch für eine Schicht einspringen könne, und sind beleidigt, wenn man seine Verabredung nicht sofort sausen lässt.

Bei einer solchen Arbeitsweise hängt alles nur noch von Sympathie, nicht mehr von Fähigkeiten ab. Gerade in völlig rechtlosen Arbeitsverhältnissen wie in Call-Centern mit hoher Fluktuation und vorwiegend junger Belegschaft führt das dazu, dass man sich ständig anbiedern muss, um nicht immer in die miesen Nacht- oder Wochenendschichten eingeteilt zu werden.

In Call-Centern gibt es eigentlich keine echten Chefs mehr, mal abgesehen von den zwei, drei Probestunden, wo ein Verantwortlicher mit einer Ohrmuschel neben einem sitzt und am Ende sagt, ob man für den Job geeignet ist oder nicht. Wird man dann genommen, erübrigt sich der Chef als Kontrollinstanz, diese Aufgabe übernehmen vor allem die Computermessungen, aber auch die Kollegen. Durch geschickte Denunziation kann man schnell in der Hierarchie hochrutschen und als Supervisor mehr Geld verdienen. In den etwas höheren Positionen überlässt man selbstverständlich anderen die unangenehme Arbeit und wächst immer weiter in den »Inner Circle« der Firmenfamilie herein.

Genau das bedeuten die windigen Versprechen, die bei Vorstellungsgesprächen gemacht werden – die Aussicht, dass aus einem kleinen Gelegenheitsjob eine gut bezahlte und feste Anstellung werden kann. Auf diese Masche fallen viele junge Leute rein, die als Studenten oder Künstler glauben, sie würden in Call-Centern frei und selbstbestimmt »jobben«. Aber eigentlich verkauft man sich in dieser Atmosphäre viel totaler, als wenn man nachts bei der Post Pakete sortiert.

(aufgezeichnet von DW)

taz Magazin Nr. 6411 vom 31.3.2001, Seite V, 110 Dokumentation



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