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taz, 13.02.2001

wie callcenter revolutionäres bewusstsein schaffen

Die Telefonsklaven

Einerseits bieten die Callcenter, von denen es in Berlin über hundert gibt, den Studenten Massen neuer Jobs an, andererseits sind die Arbeitsbedingungen dort unter aller Sau. Zudem werden durch diese Einrichtungen nicht mehr Arbeitsplätze geschaffen, »vielmehr ersetzen sie qualifizierte Arbeitsverhältnisse durch Routinejobs, die nur eines Minimums an Qualifikation bedürfen«, klagt selbst das Unternehmer-Callcenter FAZ: »Die Callcenterisierung ist die Industrialisierung des Dienstleistungssektors.«

Gerade luden die jungen Berliner Anarchisten der altehrwürdigen Freien Arbeiterinnen und Arbeiter Union (FAU) die Aktivisten von »www.callcenteroffensive.de« zur Diskussion in den Friedrichshainer Fischladen. Mehrere Leute, die in Callcentern arbeiten, referierten. Fast jedes Bundesland hat inzwischen eine Stabstelle für die Ansiedlung neuer Callcenter, wobei im Osten Deutschlands der Aspekt der Niedriglöhne betont wird. Vor allem in der Provinz – zum Beispiel in Wittenberge – gründen westdeutsche Firmen gerne solche Billig-Callcenter, in denen die ehemaligen Langzeitarbeitslosen nicht mehr als 13 Mark brutto kriegen.

In Berlin sind hauptsächlich Studenten derart »prekär beschäftigt«: Um die Ansprüche auf Abfindung, Urlaubsgeld etc. unter das gewerkschaftliche Minimum zu drücken, gibt es hier sogar Callcenter, deren Beschäftigte täglich neue Arbeitsverträge unterschreiben müssen. Anderswo müssen die Mitarbeiter, um Scheinselbstständigkeitsanzeigen zuvorzukommen, Verträge bei verschiedenen Firmen unterschreiben, die in Wirklichkeit zusammengehören.

Sich gegen solche Zumutungen der neuen Ökonomie zu wehren, ist schwierig. Nicht wenige agents, so heißen die Telefonsklaven, arbeiten in drei Callcentern gleichzeitig, zudem sind die Mitarbeiter alle in verschiedenen Schichten tätig, und die Fluktuation ist groß. Die Friedrichshainer Hotline GmbH entließ vor einigen Tagen gleich 15 Mitarbeiter, die sich für die Gründung eines Betriebsrats eingesetzt hatten.

Die demnächst loslegende neue Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di hat bereits eine Arbeitsgruppe »Callcenter« eingesetzt. Bisher hat Ver.di allerdings noch nicht einmal in den großen Callcentern Fuß fassen können. In vielen Betrieben, wie bei Mannesmann-Mobilfunk, bekämpfen sich daher noch HBV und IG Metall.

Die studentischen Mitarbeiter scheinen wenig geeignet zu sein, in den Callcentern Verbesserungen durchzusetzen, da sie sich bereits als angehende Akademiker sehen. Die nicht studentischen agents sind andererseits oft zu ängstlich und zu schlecht informiert, um sich zur Wehr zu setzen. Die durchgehende Individualismusideologie der Callcenter-Beschäftigten jedoch beginnt zu zerbröseln – wenn auch langsam.

So gibt es in einigen Arbeitsverträgen der Callcenter bereits »Mobbing-Paragrafen«, allerdings: »Das gilt nie für die Geschäftsführung«, erklärte ein Callcenter-agent. Und ein anderer meinte: »Man muss Formen des Arbeitskampfes finden, an denen sich auch Mitarbeiter beteiligen können, die nicht rausfliegen dürfen.« Derzeit befindet man sich auch gedanklich und propagandistisch noch in der Defensive. So wurde beispielsweise ein Flugblatt für den Callcenter-Kampf verteilt, das so klein war, dass man es nur als junger Mensch oder mit der Lupe lesen konnte. In der Auseinandersetzung spielen auch die verschiedenen Sozialhilfevereine und ABM-Projekte mit. Sie drücken immer mehr Langzeitarbeitslose in die Callcenter, um ihre Vermittlungsquote zu erfüllen. Das hat zur Folge, dass die Arbeitsverhältnisse noch mehr brutalisiert werden. So wurde in einem Callcenter ein Mitarbeiter nur deswegen entlassen, weil er sich zu sehr für einige gekündigte Türkinnen eingesetzt hatte.

Überhaupt herrscht ein Kommen und Gehen: »Ich habe einige Monate pausiert, anschließend habe ich niemanden mehr gekannt. Die einzige Kommunikation fand in der Kaffeeküche statt, wo man rumsaß. Jetzt sind die meisten Mitarbeiter dort jedoch Kollaborateure!« Auch diese Ideologie der Callcenter – »Wir sind alle mitverantwortlich für das Wohl des Unternehmens« – muss erst noch zerstört werden. Aber es gibt Grund zum Optimismus: Die dummdreisten Callcenter-Chefs zumindest setzen alles in Bewegung, um diesen Bewusstseinsbildungsprozess bei ihren Untergebenen zu beschleunigen.

Helmut Höge

Heute und morgen findet in Berlin
die Branchenmesse CallCenterWorld statt.



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