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Süddeutsche Zeitung, 24.04.2001

Neue Arbeitnehmer und Gewerkschaften

Aufstand im Turmzimmer

Für ein Berliner Callcenter will ver.di den ersten Tarifvertrag aushandeln – doch viele Angestellte sind misstrauisch

Von Jonas Viering

Das Treffen hat etwas Verschwörerisches. Die aufständischen Arbeitnehmer treffen sich hoch oben im Turmzimmer eines Hintergebäudes der alten Ostberliner Humboldt-Universität, ein Grüpplein von zehn jungen Leuten. Kleine Zettel weisen den Weg im Treppenhaus, der Putz bröckelt, der braungraue Linoleumboden ist von den Jahren rissig geworden. Die Zehn hocken auf speckigen Sperrmüllsofas und wollen »etwas tun«. Ihre Namen nennen sie nicht, weil sie Angst haben, Angst vor ihrem Arbeitgeber. Die Hälfte von ihnen ist entlassen worden, »von einem Tag auf den anderen«, erzählen sie. »Das ist doch Frühkapitalismus«, sagt einer. Dabei arbeiten sie alle in einer sehr modernen Branche: Sie sind »Callcenter-Agents«, Dienstleister am Telefon. Sie hören sich die Klagen von Versandhaus-Kunden an und werben bei Ärzten für neue Medikamente. Ihre Arbeitsverhältnisse sind die Wirklichkeit der Service-Gesellschaft.

»Tarifvertragsfreie Zone« nennt Jörg Kiekhäfer die Callcenter. Der hauptberufliche Mitarbeiter des Berliner Landesverbandes der vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di residiert im sechsten Stock eines modernen Bürohauses. Durch die großen Fenster schweift sein Blick über die Stadt, von der Siegessäule bis zur Kuppel des Sony-Centers am Potsdamer Platz. Sein Schreibtisch ist aus fein gemasertem hellem Holz. Ein ganz neuer Aufzug fährt hinauf, in ihm wechselt die Beleuchtung sanft von grün zu lila, wenn er losfährt.

Die Entlassenen vom Callcenter haben Kiekhäfer verboten, zu ihrem Treffen in das schmuddelige Turmzimmer zu kommen. Der Gewerkschaftsprofi ist ihnen fremd. Die meisten von ihnen sind Studenten, sie arbeiten Teilzeit, gerne auch mal sonntags, halten Gewerkschaften für verfettete Bürokratien – das unterscheidete sie vom klassischen Industriearbeiter. Der Gewerkschaft, sagen einige, gehe es gar nicht um die Interessen der Arbeitnehmer, sondern nur zwecks Selbsterhaltung um Tarifverträge und Mitgliederzahlen. ver.di werde »doch bloß wegen unserer Kündigungen ihre kostbaren Gespräche mit der Geschäftsleitung nicht gefährden«, sagt eine 24-Jährige im Kapuzenpulli.

Die Gespräche von ver.di mit dem Callcenter Agentur für Dialogmarketing (ADM) könnten tatsächlich bedeutend werden: ver.di ist dabei, für die etwa 1400 Beschäftigten in Berlin und Mannheim einen Tarifvertrag auszuhandeln. Es wäre nach eigenen Angaben der erste Tarifvertrag für ein freies Callcenter in Deutschland. Bisher sind nur die innerhalb von Banken oder Reisekonzernen angesiedelten Telefonisten tariflich abgesichert. Rund 3000 Callcenter mit 150000 Angestellten gibt es nach Angaben des Deutschen Direktmarketing-Verbandes in Deutschland. Ein boomendes Geschäft: 1998 waren es erst 1600. Zu den freien Callcentern zählen gegenwärtig nur etwa 300 Firmen, aber ihre Zahl dürfte wachsen, denn das Auslagern von Dienstleistungen liegt im Trend.



»Jeder Zehnte wurde entlassen«



»ADM ist das einzige Callcenter, das sich nicht gesträubt hat, als wir da Informationen verteilen wollten«, berichtet Kiekhäfer. Normalerweise müsse er den Zugang per Anwalt erstreiten. Die freien Callcenter sind nicht in einem Arbeitgeberverband organisiert, ein Haustarifvertrag mit der vergleichsweise arbeitnehmer-freundlichen ADM könnte in der Branche ein Vorbild sein, hofft Kiekhäfer. »In Mecklenburg-Vorpommern zahlen einige Betriebe nur neun Mark 50 die Stunde« sagt er. Anderswo unterschrieben Mitarbeiter jeden Tag einen neuen Arbeitsvertrag: Tagelöhnerei.

»Ärgerlich« sei es, dass er von den Kündigungen bei der ADM erst erfahren habe, als es zu spät war. Ausgerechnet in diesem Unternehmen sollen in den vergangenen Wochen mindestens 50 der 500 Mitarbeiter in Berlin entlassen worden sein. Die Art und Weise dieser Entlassungen hält er für arbeitsrechtlich anfechtbar. Das Unternehmen selbst schweigt hierzu.

Die Aktivisten im Turmzimmer werfen der Gewerkschaft vor, an der Belegschaft vorbei mit den Chefs verhandelt zu haben. Statt wie sonst im Unternehmen erst Mitglieder zu werben und über Streikdrohungen etwa einen Betriebsrat zu erzwingen, hat ver.di bei ADM direkt den Kontakt mit der Geschäftsleitung gesucht. Zwar hat sich Kiekhäfer mit Broschüren und Werbe-Kugelschreibern vor die Cafeteria gestellt und in seiner offenen Art »mit den Beschäftigten über ihre Probleme gesprochen«. Aber das haben längst nicht alle mitbekommen. Selten sind die vielen Teilzeitkräfte zur gleichen Zeit da. Deshalb versammeln sich heute Abend auch bloß zehn Menschen – von den meisten anderen Entlassenen kennen sie nicht einmal die Namen.

Als die Geschäftsleitung die »betriebsbedingten« Entlassungen ankündigte, hielten das manche für eine Strafaktion. Mit einer Unterschriftenliste hatten zuvor Mitarbeiter bezahlten Urlaub gefordert. Mitglieder der Callcenter-Offensive, einem aus dem linken Politklüngel der Uni hervorgegangenen Grüppchen von Mitarbeitern verschiedener Berliner Callcenter, warfen dann bei einer Betriebsbesichtigung Flugblätter. Daraufhin distanzierte sich ver.di in einem Schreiben vom »Aktionismus« der Callcenter-Offensive. Aus Verbitterung hierüber wollen einige der ADM-Mitarbeiter nun gar nicht glauben, dass Kiekhäfer den Entlassenen kostenlose Rechtsberatung gibt, »um etwas anzubieten«.

»Als ich morgens um neun meine Karte am Eingang durchgezogen habe, hat der Automat die einfach nicht angenommen«, erzählt eine Mittzwanzigerin und zieht dabei ihre Hände in die Ärmel ihres Strickpullis zurück, als friere sie. Mitglied der Callcenter-Offensive ist sie nicht. Im Personalbüro habe man ihr dann bloß gesagt, es täte dem Unternehmen sehr leid. Und sie möge doch den Radiergummi und die Stifte zurück geben, die sie bei ihrer Einstellung bekommen hatte.»Das lasse ich mir nicht gefallen«, sagt sie heute. Immerhin finanziert sie ihr Studium mit dem Job. Ein nicht entlassener ADM- Mitarbeiter verspricht, ihren Arbeitsvertrag seinem Bruder schicken, »der studiert Jura«. Und vielleicht wird die Studentin einfach einmal bei ver.di anrufen.



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