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Neues Deutschland, 28.01.2005

Wenn der Chef den Schnüffler schickt

Das Berliner Telekom-Subunternehmen MCS wird zu Lasten der Beschäftigten abgewickelt

Von Jan-Ole Arps

Keine Verträge, ausstehende Löhne, Ausforschung im Krankheitsfall das Berliner Call-Center MCS ist nur ein Beispiel für schlechte Arbeitsbedingungen in Call-Centern.

Von 500 auf Null in sechs Monaten. So lässt sich das aktuelle Geschäftsziel des Call-Centers MCS MultiCom Services GmbH aus Berlin-Spandau beschreiben. Seit dem Jahr 2000 hat die Firma als Subunternehmen das Auskunftsgeschäft der Telekom erledigt. Im Mai läuft der Auftrag aus; Folgetätigkeiten hat das Unternehmen nicht geplant. Die Abwicklung wird begleitet von dubiosen Aktivitäten, die nach verfrühter Arbeit an der Konkursmasse aussehen. Derweil warten Beschäftigte auf ihr Geld.

Zum Beispiel Esra Gül. Seit dreieinhalb Jahren arbeitet die Studentin für MCS, einen schriftlichen Arbeitsvertrag hat sie nicht wie auch die anderen studentischen MCS-Beschäftigten. So versucht das Unternehmen, bezahlten Urlaub und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zu sparen über die Jahre ein einträgliches Geschäft. Als Esra und andere Beschäftigte das Geld rückwirkend einforderten, stellte sich die Geschäftsleitung stur. Inzwischen ist die Gruppe vor Gericht gezogen. Dass die Studierenden dort Recht bekommen werden, darf als sicher gelten, denn ein Arbeitsverhältnis besteht auch ohne schriftlichen Vertrag. Doch da das Unternehmen weiter mauert, befürchten die Betroffenen, dass MCS Insolvenz anmelden wird, um nicht zahlen zu müssen. In diesem Fall würden diese Ansprüche aus der Insolvenzmasse befriedigt. Die dürfte nicht besonders üppig ausfallen: Beschäftigte berichten, dass in letzter Zeit bereits Wertgegenstände aus dem Gebäude geschafft und dafür alte Computer und Möbel angeliefert worden seien. Geschäftsführer Thomas Weisser war zu keiner telefonischen Stellungnahme bereit.

Schon in der Vergangenheit hatte MCS durch fragwürdige Praktiken von sich Reden gemacht. Wie ein Beschäftigter erzählt, seien Lohnzahlungen fast immer zu spät erfolgt. Auch sei versucht worden, unliebsame Mitarbeiter zu mobben, indem etwa ihre Schichtpläne kurzfristig verändert wurden, um Verspätungen zu provozieren. Von den studentischen Beschäftigten habe man verlangt, dass sie krankheitsbedingte Fehlzeiten nacharbeiten.

Auch bei der Reduzierung des Personals ist das Unternehmen nicht zimperlich. Nachdem bis Jahresende bereits an die 200 Jobs regulär abgebaut wurden, begann das Unternehmen, verhaltensbedingte Kündigungen auszusprechen. Als Vorwand diente der Verdacht, Mitarbeiter würden krankfeiern. Inzwischen hat die Geschäftsleitung angekündigt, durch Detektive prüfen zu lassen, ob krank gemeldete Mitarbeiter auch zu Hause sind. Die Kündigungen werden derzeit vor dem Arbeitsgericht verhandelt.

Für den Rest der Beschäftigten sind nun offenbar betriebsbedingte Kündigungen geplant. Dafür hat die Geschäftsleitung schon im November 2004 mit dem Betriebsrat einen Ausgleich geschlossen. Ein Sozialplan lässt dagegen auf sich warten.

Damit ist MCS ein Paradebeispiel für die unsicheren Arbeitsverhältnisse im Call-Center-Bereich und dafür, wie durch Deregulierung und Outsourcing geschaffene Arbeitsplätze häufig aussehen. Immer wieder war es in Berliner Call-Centern zu Fällen gekommen, in denen Löhne nicht gezahlt, Mitarbeiter ohne Begründung entlassen und arbeitsrechtliche Mindeststandards missachtet wurden. Schon einmal sind in diesem Zusammenhang auch Vertragspartner der Telekom negativ aufgefallen. Im Jahr 2000 hatte das Unternehmen eine ganze Reihe Call-Center damit beauftragt, Telefonkunden zum Umstellen auf einen neuen Tarif zu bewegen. Manche der Call-Center haben das als Aufforderung verstanden, auch ohne Einwilligung neue Verträge abzuschließen. Mindestens eines der Telekom-Subunternehmern hat außerdem versucht, Beschäftigte um ihren Lohn zu prellen.

Esra hofft noch auf ihr Geld. Mit anderen hat sie sich zusammengeschlossen, um Kollegen auf ihre Rechte hinzuweisen und das Vorgehen vor Gericht zu koordinieren. Sollte das Unternehmen tatsächlich Insolvenz beantragen, will sie sich an die Telekom wenden. Denn die trägt mit ihrer Auftragsvergabe an möglichst billige Subunternehmen Mitschuld an der Misere bei MCS.

(ND 28.01.05)

Original-Link: http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=66551&IDC=42



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