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Neues Deutschland, 10.09.2001
Wirtschaft/Soziales

Telekommunikation

Kein Call mehr im Center

Marktanalyst macht Berliner Filiale dicht und die Interviewer warten auf ihr Geld

Von Tom Strohschneider

Der Call-Center Betreiber Modalis schuldet freien Interviewern bis zu 250000 Mark. Entgegen den Ankündigungen, ausstehende Honorare eines Teils der 250 Entlassenen bis Mitte August zu zahlen, warten mehr als 50 Betroffene noch immer auf ihr Geld.

Natalie Polynice wurde durch die Entscheidung überrascht, als sie nach dem Sommer aus dem Urlaub zurückkehrte: Der Arbeitsplatz der Französin bei der Berliner Niederlassung von Modalis Research Technologies existiert nicht mehr, die Webseite ist bereits vom Netz genommen.

Zum 31. August hat die amerikanische Muttergesellschaft das Call Center in der Hauptstadt geschlossen. Ausstehende Zahlungen aus den Projektverträgen, so ihr ehemaliger Kollege Jean-Pascal Lejeune, seien in vielen Fällen bislang nicht geleistet worden. Auch Festangestellte würden noch auf ihre Löhne warten. Die zum großen Teil nichtdeutschen freien Mitarbeiter waren für telefonische Umfragen und Akquisen angeheuert worden, die die Firma im Auftrag von Kunden wie MAN oder Siemens betreute. Bei Modalis war am Freitag nur noch ein für die Abwicklung zuständiger Ansprechpartner erreichbar, der sich gegenüber ND dazu nicht äußern wollte: »Wir haben hier noch jede Menge andere Sachen zu tun.«

Trotz Versuchen, auf juristischem Weg die ausstehenden Honorare einzutreiben, sind die Chancen für die Modalis-Mitarbeiter gering. Unklar ist zum Beispiel, an wen die Forderungen überhaupt gerichtet werden können. Darüber hinaus zahlte die Firma nach Angaben ehemaliger Mitarbeiter bislang erst, nachdem die Projekte mit dem jeweiligen Auftraggeber abgerechnet worden waren.

Nach einer am vergangenen Mittwoch zustande gekommenen Vereinbarung mit dem Ex-Modalis-Geschäftsführer Klaus König wollen viele der Betroffenen weiterhin abwarten. Den Ergebnissen des Treffens zufolge sollen die Mitarbeiter ihr Geld doch noch bekommen: Die Honorare sollen allerdings erst dann gezahlt werden, wenn ein Käufer für die US-Mutter gefunden ist. Diese steht offenbar zum Verkauf, als Investor ist Taylor Nelson Sofres (TNS) im Gespräch.

TNS ist seit 1997 auch Mehrheitsgesellschafter bei dem deutschen Markt- und Meinungsforschungsinstitut Emnid. Deren Angaben zufolge hat das Institut Telefon-Arbeitsplätze an den Ex-Modalis-Geschäftsführer König vermietet, der einige Projekte mit ehemaligen Modalis-Interviewern in den Räumen von Emnid weiterführt.

Am Donnerstag vergangener Woche machten Aktivisten der Berliner Call-Center-Offensive, die sich für die Rechte der bei den Telefondienstleistern Beschäftigten einsetzt, mit einer Flugblattaktion vor der Berliner Emnid-Zweigstelle auf die Situation der Betroffenen aufmerksam.

Kuno Schrader von der Call-Center-Offensive (CCO) erklärte, es sei verständlich, dass ein großer Teil der ehemaligen Modalis-Interviewer nun auf eine Verhandlungsstrategie mit der ehemaligen Geschäftsführung setzt, um die Auszahlung der ausstehende Löhne zu erreichen. Es dränge sich jedoch der Verdacht auf, hier würden die ehemaligen Mitarbeiter erneut hingehalten. Deshalb wolle CCO die Angelegenheit – kein Einzelfall in der Branche – an die Öffentlichkeit bringen.

Doch der Aufruf an die Emnid-Mitarbeiter, sich mit den Geprellten zu solidarisieren, war wenig erfolgreich. Schrader kritisierte, dass die Studioleiterin von Emnid-Berlin, Nadine Biermann, die Protestaktion, hinter der Eingangstür postiert, beobachtete. Die CCO betrachtet dies als weiteren Versuch, die freien Interviewer einzuschüchtern. Emnid-Berlin gab dazu auf Anfrage keinen Kommentar ab. Nach Angaben der CCO interessierten sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite auch Management-Mitarbeiter eines weiteren Berliner Call-Centers für die Aktion.

Die Arbeitssituation der bei den Call Centern meist auf Honorarbasis Beschäftigten, zum größten Teil Studenten, ist in der Regel anonym, so dass Solidarität unter den Berufstelefonierern selten ist. Obgleich es inzwischen in einigen Call-Centern Betriebsräte gibt, scheiterten verschiedene Versuche der Belegschaften sich zu organisieren in der Vergangenheit am Widerstand der Geschäftsleitungen. In einigen Fällen wurden die »oppositionellen« Mitarbeiter einfach entlassen.

Wie notwendig die Organisierung der Beschäftigten ist, zeigt ein Blick hinter die Kulissen der Call-Center: Korrekt ausgestaltete Arbeits- oder Honorarverträge sind bei vielen Anbietern unbekannt. Interviewer werden mit Kontrollanrufen ihrer Teamleiter schikaniert, gewerkschaftliche Äußerungen untersagt. Die in der Regel leistungs- oder erfolgsabhängigen Honorare und Gehälter, deren Grundlohn in Einzelfällen nicht einmal 10 Mark übersteigt, werden zum Teil mit erheblicher Verspätung bezahlt – oder, wie im Fall Modalis, gar nicht.

Infos unter: www.callcenteroffensive.de



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