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Berliner Morgenpost, 16.08.2000
Wirtschaft

Falsch verbunden: Mitarbeiter klagen gegen Call Center

Die Boombranche fällt durch ungeschützte Arbeitsverhältnisse auf

Von Sven Hillenkamp

Seit Mitte der neunziger Jahre zaubern sie ein Lächeln auf das Gesicht geplagter Wirtschaftspolitiker: die Call Center in Berlin - eine boomende Dienstleistungsbranche in der Ära der Massenarbeitsarbeitslosigkeit. Mindestens 70 Call Center mit mehr als 7000 Mitarbeitern bieten zurzeit Telefon-Service in Berlin. Für die Beschäftigten sieht die schöne neue Welt jedoch oft nicht so strahlend aus. Unsichere und ungeschützte Arbeitsverhältnisse prägen das Bild.

Um ihre rechtliche Lage zu verbessern, schlossen sich im April 30 Mitarbeiter aus vier Call Centern zur «Call Center Offensive» zusammen (http://www.callcenteroffensive.de/). Der erste Versuch, gegen die «Entrechtlichung» vorzugehen, mündete in einer Kündigungswelle. Die Klagen von zwölf ehemaligen Mitarbeitern beschäftigen bald das Arbeitsgericht.

Streitpunkt sind die neuen Arbeitspläne bei Audio Service, einer Tochter der Zweiten Hand. Das Call Center mit rund 70 Mitarbeitern am Treptower Park bedient telefonisch die Fans von Hertha BSC, verkauft Karten für das Theater des Westens und vertritt den BVG-Club. Die meisten Mitarbeiter haben keine festen Verträge.

Im Juli sollten sie erstmals Arbeitspläne unterzeichnen, in denen es heißt, lediglich «befristete Tagesarbeitsverhältnisse» würden geschlossen. 20 Mitarbeiter verweigerten die Unterschrift. Sechs von ihnen wurde sofort gekündigt, weiteren zehn nach einer mehrtägigen «Bedenkzeit». Anderen Mitarbeitern dürfte nach Ende ihres Urlaubs ein ähnliches Schicksal widerfahren, etliche Kollegen hatten auf einer Unterschriftenliste ihre Solidarität bekundet.

Anwalt Lutz Bernard und IG-Medien-Mann Manfred Föllmer vertreten zwölf der Entlassenen, die gegen die Kündigung klagen. «Alle sind länger als sechs Monate beschäftigt gewesen, die Firma hat mehr als fünf Mitarbeiter», erklärt Bernard, «also herrscht Kündigungsschutz.» Auch den Protest gegen die Arbeitspläne hält Föllmer für berechtigt: Tagelöhner müssten jeden Tag entscheiden können, ob sie arbeiten oder nicht. Sie dürften nicht wie hier in den kompletten Betriebsablauf eingebunden sein. «Es gibt ja oft ungeschützte Arbeitsverhältnisse in Call Centern», sagt Föllmer, «aber sowas ist mir noch nicht untergekommen».

Die entlassenen Mitarbeiter fanden schon die normalen Arbeitsbedingungen hart: Mit 15 DM brutto die Stunde zahlt Audio Service, wie eine aktuelle Studie zeigt, in Berlin vergleichsweise wenig. Keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und kein Urlaubsgeld sind dagegen gängig. Einen Betriebsrat gibt es nicht.

Markus Broschk, Chef von Audio Service, will zu der Angelegenheit nichts sagen. Die Arbeitsgemeinschaft Berlin-Brandenburger Call Center zeigt sich «überrascht, was da bei Audio Service vorgeht». Die «Call Center Offensive» hält derweil Vorträge an Universitäten und verbreitet im Internet Texte über «Die Schattenseiten der Dienstleistungsgesellschaft». Der Arbeitskampf hat die Boombranche eingeholt.



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