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Berliner Morgenpost, 05.03.2001
Wirtschaft

Angst vor »Sturmtruppen«

Callcenter-Beschäftigte wollen mitbestimmen - Manager tun sich schwer

Von Jörn Boewe

Berlin - 40 Mitarbeiter mussten gehen, als der Kunde eines Friedrichshainer Callcenters seinen Großauftrag plötzlich reduzierte. Unter den verbliebenen knapp 200 »Callcenter Agents« - so die professionelle Bezeichnung der Telefonarbeiter in der New-Economy-Branche - wurde nicht wenigen mulmig zumute. So kamen einige auf die Idee, einen Betriebsrat zu wählen und wandten sich mit der Bitte um Unterstützung an die Industriegewerkschaft Medien. Die teilte der Geschäftsführung das Ansinnen mit. »Wirklich engagierte und couragierte Mitglieder, die einen Betriebsrat wünschen«, antwortete diese, »sollten auch den Mut haben, hierfür einzustehen.« Niemand müsse Repressalien befürchten, bloß weil er einen Betriebsrat wählen wolle, versicherte ihnen Geschäftsführer Hartmut H.

Daraufhin suchten vier engagierte, couragierte junge Callcenter Agents das Gespräch mit dem Management. Fünf Minuten später waren sie entlassen. Wenige Tage folgten zwanzig weitere Mitarbeiter, die sich ebenfalls für einen Betriebsrat ausgesprochen hatten.

In der Callcenter-Branche brodelt es: Galten die Kommunikationsdienstleister noch bis vor kurzem als weitgehend gewerkschafts- und betriebsratsfreie Zone, wird seit einigen Monaten der Ruf von Beschäftigten nach mehr Mitbestimmung lauter. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre boomte der Markt: Arbeiteten 1995 bundesweit etwa 30 000 Menschen in Callcentern, sind es heute fast 200 000. Gerade auch in Berlin spielt die Branche eine bedeutende Rolle.

Doch die Zeiten mit 400- bis 500-prozentigen Zuwachsraten sind vorbei. »Der Konkurrenzkampf ist härter geworden und wird heute international geführt. Die Stückpreise je Call sind mächtig unter Dampf«, meint Anne Stahl-Weiß, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Berlin-Brandenburger Callcenter. Für den einzelnen Mitarbeiter, den »Call Center Agent« heißt das nicht nur mehr Stress: Auch sein Job wird zunehmend unsicherer.

Organisationsversuche - wie das Branchenprojekt T. I. M. (Telekommunikation, Informationstechnologie und Medien) der Ver.di-Gewerkschaften oder die Berliner Initiative http://www.callcenteroffensive.de/ - fallen unter diesen Umständen natürlich auf fruchtbaren Boden. Die Rechtslage ist eindeutig: In Unternehmen mit mindestens fünf Beschäftigten besteht Rechtsanspruch auf die Wahl eines Betriebsrats, sofern mindestens drei Arbeitnehmer dies wünschen.

Doch rigide Reaktionen seitens der Centermanager, teilweise an der Grenze der Legalität, seien die Regel, berichtet Otmar Dürotin, der bei der Deutschen Postgewerkschaft Betriebsräte und Betriebsratsinitiativen in Callcentern betreut: »Die denken, die Welt geht unter, wenn ihre Beschäftigten einen Betriebstrat wollen. Dass sich Callcenter-Manager kooperativ verhalten, ist eher die Ausnahme.« Da würden Belegschaftsversammlungen verhindert, Betriebsratsbefürworter kurzerhand als »Querulanten« gefeuert. Ein »irrationales Feindbild« sieht Dürotin am Wirken: »Die tun so, als käme die Gewerkschaft mit roten Fahnen anmarschiert und würde ihre Firma übernehmen.«

In der Tat: »Die Gewerkschaften schicken hier doch linksradikale Studenten als Sturmtruppen vor«, glaubt Geschäftsführer Hartmut H., der nicht vergisst, darauf hinzuweisen, dass er selbst »aus einer linken Tradition« komme. H. ist überzeugt: »Die wollen die Callcenter peu à peu plattmachen.«

Alles Unsinn, sagt Dürotin. Tatsächlich zeigten die Erfahrungen mit den »zehn bis 15 Prozent« deutscher Callcenter, in denen Betriebsräte existieren, »dass die Unternehmen mit mehr Mitbestimmung nicht schlechter fahren.« Bestätigt wird der Gewerkschaftsmann von der Callcenter-Managerin Stahl-Weiß, die auf drei Jahre Erfahrung mit einem Betriebsrat im eigenen Hause Viafon zurück blicken kann: »Wenn man als Callcenter-Manager erstmal die psychologische Anfangshürde übersprungen hat, zeigt sich meistens, dass es gar nicht so schwer ist, eine konstruktive Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat herzustellen«. Dass für viele Callcenter-Manager Betriebsräte und Gewerkschaften ein rotes Tuch sind, sei eben typisch für eine Branche, die es erst seit wenigen Jahren gibt. Denn bislang konnten die Führungskräfte der Start-Up-Firmen alles schnell, allein und möglichst »unbürokratisch« entscheiden.

Während sich in Bremen am 6. und 7. März Führungskräfte und Betriebsräte aus Callcentern in ganz Deutschland zu einer Fachtagung über Effizienz und Mitbestimmung treffen, hat die Geschäftsführung der Friedrichshainer Firma zwei Dutzend Kündigungsschutzklagen und eine Strafanzeige wegen Behinderung einer Betriebsratswahl am Hals - mögliche Höchststrafe: ein Jahr Freiheitsentzug.



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