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Let's Work (Zeitung der TUSMA), Februar 2002

Callcenter Skandal

Von Matthew Heaney und Leen Lambers

»Man kann dieses Geschäft nicht betreiben, ohne die Interviewer bezüglich des Zeitpunkts der Bezahlung anzulügen.«

Personalchef des Callcenters Modalis, Ismael Mora, zitiert aus einer Klage an die Staatsanwaltschaft

Wer als Student in Berlin jobben muß, kennt sich bestimmt mit der Callcenter-Branche aus. Schlechte Bezahlung, oft leistungsbezogen, »flexibles« Arbeitsverhältnis, kein Recht auf Urlaub oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, von Gewerkschaften oder Betriebsräten keine Spur. Wer zu oft nachfragt, fliegt. Arbeitsbedingungen wie vor 100 Jahren.

Bei Modalis an der Jannowitzbrücke in Mitte war es kaum anders. Aber in diesem Fall müssen die hauptsächlich studentischen Mitarbeiter mit allen Mitteln kämpfen, um überhaupt ihren Lohn, insgesamt ca. 100.000 €, verdient durch Umfragetätigkeiten für Firmen wie Osram und Siemens, zu bekommen. Die Firma schloß Ende August ihre Türen.

Sofort danach erschienen zwei neue Firmen am Berliner-Callcenter- und Marktforschungshorizont. Bei Consatis International Research GmbH in der Choriner Straße in Mitte, kann man praktisch die gesamte feste Belegschaft von Modalis treffen, einschließlich Ex-Geschaftsführer Klaus König, Callcenterleiter Niek Coenen und Personalchef Ismael Mora. Bei Metafacts GmbH in Kreuzberg findet man die anderen zwei ehemaligen Geschäftsführer von Modalis Berlin: Hans Jürgen Schmolke und Veronique Kaploun. Allerdings schieben die Ex-Chefs die Verantwortung von sich. Obwohl sie nichts mit den Schuldnern von Modalis zu tun haben wollen, bezeichnete sich Metafacts GmbH in einer Presseerklärung als »den europäischen Teil von Modalis«, und »die neue Firma von Klaus König« (also Consatis GmbH) drückte neuen Mitarbeitern einen Vertag mit der – nicht mehr existenten? – Firma Modalis in die Hände. Es ist klar, daß sie in Ruhe gelassen werden wollen, um ganz einfach so weiter ihr Geschäft zu treiben. Metafacts verspricht zynischerweise in einer Presseerklärung »für dieselbe Arbeitsweise« wie Modalis zu stehen, und bei Consatis mußten schon einige Interviewer mit rechtlichen Schritten drohen, um ihre Löhne – mit Verspätung – zu bekommen.

Viele, die bei Modalis gearbeitet haben, studierten im Auslandssemester, waren also nur kurzfristig in Berlin, und warteten unwissend auf ihr Geld. Denn Modalis hat nie eine offizielle Erklärung abgegeben – viele Ex-Interviewer haben zufällig den Stand der Dinge erfahren. Andere versuchten so gut wie möglich, selber die Situation zu analysieren. Nach einiger Zeit rief man aber nicht mehr täglich die Bank an, um zu sehen, ob die paar Tausend Mark jetzt endlich überwiesen worden sind. Stattdessen mußte man den Vermieter und das Immatrikulationsbüro um Verständnis bitten, und beim Studentenwerk einen Kredit erbetteln. Eine Gruppe von Modalis-Agenten hat sich zusammengefunden, um mit Unterstützung der Gewerkschaft Ver.di, »auf die Barrikaden zu gehen«. Es war nicht das erste Mal, daß ein Callcenter an dieser Adresse eine schlechte Zahlungsmoral zeigte: mehrere, die jetzt auf ihre Löhne von Modalis warten, haben bei der Vorläuferfirma Markt und Daten (MDI) telefoniert. Dort kam es schon vor, daß Interviewer bis zu sechs Monate auf ihr Geld warten mußten. Und wer waren damals die Chefs von Markt und Daten? Klaus König und Hans Jürgen Schmolke. Modalis, eine Fusion der MDI und des US-Amerikanischen Marktforschungsunternehmens Socratic Inc., war die »Antwort« auf die chronischen finanziellen Probleme von MDI. Modalis Research Technologies ist in San Fransisco eingetragen. Und darin liegt, für die Geprellten, das größte Problem. »Rechtssitz ist der Sitz der Firma«, wie es so schön in den Honorarverträgen stand. Eine Geschäftsgenehmigung lag in Deutschland nie vor. Ein Versuch, eine selbständige Niederlassung zu gründen, wurde abgelehnt. Trotzdem wurde weiter – illegal – gearbeitet. Der unveränderte Vorstand von Modalis (mittlerweile in Lone Star Research umgetauft), William McElroy, sitzt ohne Sorgen weit weg. Seine Ex-Mitarbeiter können es sich nicht leisten oder organisieren, ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Trotzdem, oder eher deswegen, reist er um die Welt und hält Vorträge über die Kunst der Marktforschung. Als er Ende September in Rom auftrat, wurde sein Hotelzimmer von Protestfaxen überflutet. Falls er es je wagt, wieder in Berlin aufzutauchen, wird er, so ein Ex-Interviewer, »ein blaues Wunder erleben«.



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