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junge Welt, 11.09.2001
Inland

Abgezockt und abgetaucht

Ehemalige Berliner Modalis-Mitarbeiter fürchten um ihre ausstehenden Honorare

Wieder einmal gerät ein Call-Center wegen dubioser Machenschaften negativ in die Schlagzeilen. Der Berliner Sitz des US-amerikanischen Marktforschungsunternehmens Modalis Research Technologies an der Jannowitzbrücke wurde zum 31. August 2001 wegen Umsatzrückgängen ohne viele Umstände geschlossen. Doch nicht genug damit, daß mindestens 200 sogenannte Call-Center-Agents keine Verlängerungen ihrer Projektverträge erhielten und in die Arbeitslosigkeit entlassen wurden: Die »freien Interviewer« warten bis heute auf ihnen zustehende Honorare für die Monate Juni, Juli und August 2001.

Nach Angaben der Call Center Offensive (CCO), einer Interessenvertretung der in Call-Centern Beschäftigten, schuldet Modalis mindestens 30 ehemaligen Mitarbeitern insgesamt mehrere zehntausend Mark. Einige wollen sich jedoch von der US-Firma nicht abzocken lassen und haben Protest organisiert. Vergangenen Donnerstag fand eine Mini-Demo vor dem Telefonstudio des Markt- und Meinungsforschungsinstitutes EMNID statt. EMNID führt einige der Modalis-Aufträge fort. Zudem haben die Geprellten Mahnverfahren eingeleitet und Klagen gegen die amerikanische Mutterfirma eingereicht. »Das Problem ist, daß wir hier niemanden haben, von dem wir unser Geld einfordern können«, heißt es aus dem Kreis der Berufstelefonisten. »Die Modalis-Geschäftsführung ist abgetaucht und Amerika weit weg.«

In dem Modalis-Call-Center telefonierten die Mitarbeiter für Firmen wie Siemens, MAN und Osram rund um den Globus und führten Befragungen zur Kundenzufriedenheit durch. Dabei seien fremdsprachliche Qualifikationen und Übersetzertätigkeiten verlangt, letztlich aber nicht angemessen vergütet worden, teilt CCO mit. Das Unternehmen hätte sich die hohe Arbeitslosigkeit unter Berlinern nichtdeutscher Herkunft zunutze gemacht.

Der Fall Modalis ist ein erneutes und sehr bezeichnendes Beispiel der in der Politik allseits beschworenen »Flexibilisierung des Arbeitsmarktes« nach amerikanischem Vorbild. Ohne jede soziale Absicherung sind die Dienstleister der Willkür des Unternehmens schutzlos ausgeliefert. Infolge der formellen Selbständigkeit haben die Mitarbeiter weder Anspruch auf bezahlten Urlaub noch auf eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Sozialversicherungsbeiträge werden nicht gezahlt. Verträge werden in der Regel nur für die Dauer von Projekten abgeschlossen und sind täglich kündbar. Initiativen für Interessenvertretungen und Betriebsräte durch die Call- Center-Agents werden von den Firmenleitungen restriktiv unterdrückt. »Deswegen gibt es auch keine Solidarität unter den Kollegen. Die Bosse können mit uns machen, was sie wollen«, beschwerte sich ein ehemaliger Modalis-Telefonist gegenüber junge Welt.

Jochen Köhler



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