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junge Welt, 05.02.2001
Interview

Gefeuert wegen versuchter Betriebsratsgründung?

jW sprach mit Tim Herudek, bis Freitag Mitarbeiter der Berliner Hotline GmbH

F: Sie gehören zu mehreren Mitarbeitern der Berliner Hotline GmbH, die Freitag fristlos gekündigt wurden. Wie kam es dazu?

Am Freitag hatte die Geschäftsleitung zu einem Treffen geladen, um noch einmal darüber zu sprechen, wie es bezüglich einer betrieblichen Mitbestimmung im Call-Center weitergehen soll. Anwesend waren auch vier Befürworter der Gründung eines Betriebsrates in der Hotline GmbH, zu denen ich selbst gehöre. Wir hatten bei diesem Treffen eine Einladung zu einer Betriebsversammlung vorgelegt, auf der ein Wahlausschuß gewählt werden sollte. Dazu baten wir die Geschäftsleitung, bis zum Ende der Sitzung eine Entscheidung darüber zu treffen, ob wir diese Einladung aushängen dürfen. Die Geschäftsleitung kam nach fünfminütiger Beratung wieder und verkündete, daß die vier Unterzeichner des Aufrufs hiermit fristlos entlassen wären.

Drei von uns waren auch anwesend. Gleichzeitig wurde uns Hausverbot erteilt. Daraufhin verließen wir auch die Räumlichkeiten. Kurze Zeit später sollte dann die dritte Arbeitsschicht beginnen. Bei dieser sind dann weitere Entlassungen vorgenommen worden. Wir gehen bis heute von 15 Entlassungen seit Freitag aus.

F: Das am Freitag war ja nicht die erste Betriebsversammlung zu dieser Problematik. Den Versuch einiger Mitarbeiter des Call-Centers, einen Betriebsrat zu gründen, gibt es ja schon länger.

Die Idee, einen Betriebsrat zu gründen, kam uns bereits im Dezember. Damals wurde seitens der Geschäftsleitung angedroht, daß es mindestens 30 Entlassungen geben würde. Daraufhin wurde das Arbeitstempo verschärft und uns wurde immer wieder persönlich gesagt, wenn du hier nicht schnell und gut genug arbeitest, wirst du entlassen. Wir hatten dann über die IG Medien anonym der Geschäftsführung einen Brief zukommen lassen, daß es Bestrebungen gibt, einen Betriebsrat zu gründen. Die Geschäftsleitung möge bitte zustimmen. Das war Anfang Januar.

Es gab dann am vergangenen Montag eine Betriebsversammlung, ebenfalls von der Geschäftsleitung einberufen, wo es zu einer großen Aussprache kommen sollte. Da waren relativ viele Mitarbeiter anwesend. Die Mehrheit sprach sich für einen Betriebsrat aus. Es kam aber zu keinem Ergebnis, deshalb wurde noch einmal für die nächste Versammlung eingeladen. Alle Interessenten sollten sich nochmals treffen. Das geschah dann auch am besagten Freitag. Das Ergebnis nannte ich ja.

F: Hat die Geschäftsführung in irgendeiner Weise deutlich machen können, warum sie partout keinen Betriebsrat zulassen möchte?

Sie sagt, das wäre ihr zu teuer, das würde Geld kosten. Es würde den dynamischen Prozeß des Call-Centers verbürokratisieren und damit verlangsamen und wäre sozusagen eine veraltete Form, da Gewerkschaften reaktionär wären.

F: Also mit dem Betriebsverfassungsgesetz haben die Herren nichts am Hut?

Nein.

F: Sie bekommen Unterstützung von der IG Medien. Wie geht die ganze Geschichte weiter, wollen Sie es einfach dabei belassen?

Nein. Es wird auf alle Fälle weitergehen. Wir haben jetzt am Montag ein Treffen mit der IG Medien für all die, die entlassen worden sind. Natürlich werden wir auf Wiedereinstellung klagen und behalten uns noch weitere rechtliche Schritte vor. Möglich wäre das nach Paragraph 119 Betriebsverfassungsgesetz. Die Geschäftsleitung hat es ja aktiv verhindert, daß ein Betriebsrat gegründet wird und versucht es auch weiter. Das ist ein Straftatbestand.

F: Wie haben die anderen Mitarbeiter reagiert?

Ich würde sagen, in den letzten Wochen gab es eine massive Stimmungsverschlechterung. Es herrschte eine sehr bedrückte Atmosphäre; Mitarbeiter haben einfach Angst entlassen zu werden. Entlassungen werden auch im großen Stil vollzogen und da weiß niemand, wen es als nächsten treffen wird.

Interview: Klaus Fischer



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