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Hamburger Abendblatt, 12.03.2001

Sie wollen einen Betriebsrat gründen? Sie sind entlassen!

Von Stefan C. Dickmann

Hamburg - Es geschah im Dezember, da drohte die Geschäftsleitung des Berliner Callcenters Hotline Kommunikationsdienste ihren Beschäfigten mit Entlassungen. Die Auftragslage sei derzeit schwierig, das Arbeitspensum müsse erhöht werden, sonst werde Personal abgebaut. Einige Beschäftigte wie der 24-jährige Student Tim Herudek wollten einen Betriebsrat gründen. Anfang Februar gaben sie sich auf einer Mitarbeiterversammlung als die Initiatoren für mehr Mitbestimmung aus. Fünf Minuten später waren drei Angestellte, darunter Herudek, entlassen. Kurz darauf folgten 19 weitere Entlassungen.

So drastisch stellt Herudek die Ereignisse dar, der den Job nach eigenen Angaben braucht, um sein Studium zu finanzieren, und der derzeit vor dem Arbeitsgericht auf Wiedereinstellung klagt: »Wir waren im ersten Augenblick erschrocken über diese Reaktion der Geschäftsleitung und später wütend, weil wir ungerecht behandelt wurden.« Es gehe auch darum, anderen Arbeitnehmern zu zeigen, dass man sich so etwas niemals gefallen lasse dürfe.

Der Geschäftsführer des Callcenters, Hartmut Horst, sagt, für ihn seien die Entlassungen »Notwehr« gewesen. Einige Angestellten hätten das Betriebsklima gestört. Jeder seiner Angestellten habe einen festen Vertrag, es werde Urlaubsgeld bezahlt, und es gebe bei Problemen auch eine Meckerecke im Intranet. Er sei immer gesprächsbereit gewesen, habe sich aber von dem plötzlichen Wunsch nach einem Betriebsrat überfahren gefühlt. »Eine Gewerkschaft ist in dieser Branche nicht nötig«, sagt Horst. Dass die verbliebenen Beschäftigten nun doch noch einen Betriebsrat installieren wollten, müsse er jetzt wohl hinnehmen.

Für die IG Medien sind die Entlassungen ein klarer Fall der Behinderung einer Betriebsratswahl. Das sei strafbar und komme leider viel zu häufig vor. Die Gefahr vor Repressalien und Einschüchterungen sei groß, sagt Wille Bartz von den IG Medien: »Wer bereit ist, einen Betriebsrat zu gründen, wird oft gemobbt.« Dazu komme der Trend, Arbeitnehmer nur befristet einzustellen. »Das ist oft nur eine Disziplinierungsmaßnahme. Wer nicht in der Spur bleibt, ist draußen.«

Nur eine kleine Spitzengruppe könne sich in den Internet- und Medienfirmen die Arbeitsbedingungen aussuchen. Die seien aber für die Masse der Angestellten in den vergangenen Monaten schlechter geworden. Sinkende Aktienkurse, die Angst vor dem Konkurs hätten dazu geführt, dass der Druck massiv zugenommen habe. Der nette Arbeitgeber könne schnell ein anderes Gesicht zeigen. Wenn es dann keinen Betriebsrat gebe, seien die Beschäftigten auf sich allein gestellt. Bartz verspricht sich daher einige Vorteile von der Reform der Betriebsverfassung, die auch vorsieht, dass das Wahlverfahren zur Gründung eines Betriebsrates in Unternehmen mit bis zu 50 Beschäftigten vereinfacht wird. Bis zur Installierung eines Betriebsrates sollen dann nicht mehr bis zu zwölf Wochen, sondern nur eine Woche vergehen.

Auch Carsten Peters (Name geändert) möchte einen Betriebsrat gründen. Er arbeitet für eine Berliner Multimediafirma, die vor kurzem mit einem ausländischen Unternehmen fusionierte. Peters ist derzeit dabei, möglichst viele Mitstreiter zu finden. Erst dann möchte er seinen Arbeitgeber mit dem Wunsch konfrontieren. Peters begründet seinen Schritt mit der für ihn zunehmend chaotischen Unternehmensstrategie. »Bis vor vier, fünf Wochen lautete bei uns noch die Losung: viel Wachstum, neue Märkte erobern. Das ist inzwischen anders: Jetzt muss ein riesiges Sparprogramm umgesetzt werden, so wurde etwa ein Einstellungsstopp verfügt. Das verunsichert die Beschäftigten.« Er verspricht sich durch einen Betriebsrat mehr Transparenz bei Management-Entscheidungen. »Es geht auch um die Identifizierung mit dem Unternehmen. Die Mitarbeiter sollen wieder zufriedener mit der Firma sein und das Gefühl haben, den richtigen Arbeitgeber zu haben.«



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