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Berliner Zeitung, 01.09.2000
WIRTSCHAFT BERLIN

Call-Center-Mitarbeiter lehnen Tagelöhnerjob ab
Audio-Service-Chef kündigt daraufhin 30 Kollegen fristlos

von Julia Christ

BERLIN, 31.August. Im Berliner Call-Center Audio Service drohen massive Entlassungen. »Bis gestern wurde bis zu 30 Mitarbeitern fristlos gekündigt«, sagte IG-Medien-Sekretär Manfred Föllmer der »Berliner Zeitung«. Mit weiteren Entlassungen sei zu rechnen. Hintergrund der Kündigungen sind so genannte Tagesarbeitsverhältnisse, die den Telefonisten der Audio Service, einer Tochter der Zweiten Hand-Gruppe, angeboten wurden. Nachdem mehrere der Call-Center-Agents, so die offizielle Berufsbezeichnung der Telefonisten, die Unterschrift verweigerten, wurden die ersten fünf Ende Juli auf der Stelle entlassen. Zudem wurde den Betroffenen ein Hausverbot ausgesprochen. Der Firmenanwalt soll die Entlassenen nach draußen »eskortiert« haben, sagte einer der entlassenen Call-Center- Agents.

Keine Sozialleistungen

»Was man uns angeboten hatte, waren Tagelöhner-Verträge«, sagte einer der Betroffenen, der namentlich nicht genannt werden will. Stattdessen hatten die Mitarbeiter zahlreiche, in vielen Betrieben übliche Sozialleistungen wie schriftlich unbefristete Arbeitsverträge, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sowie bezahlten Urlaub gefordert. Auch wollten die seit zwei Jahren bei Audio Service Beschäftigten einen Betriebsrat einrichten.

Die von der Audio-Service-Leitung vorgelegten Tagesarbeits-Verträge seien »hanebüchen und arbeitsrechtlich völlig unhaltbar«, sagte Föllmer. So ein Vorfall sei ihm zum ersten Mal »untergekommen«. Auch Rechtsanwalt Lutz Bernard, der die entlassenen Mitarbeiter vertritt, bezweifelt die Wirksamkeit der Kündigungen. »Die Betroffenen stehen in eindeutigen Arbeitsverhältnissen. Eventuelle Befristungen würden einer gerichtlichen Überprüfung nicht standhalten«, sagte Bernard. Seine Mandanten hätten feste Schichtpläne mit eindeutig festgelegten Arbeitsorten und stünden deshalb in regulären Arbeitnehmerverhältnissen.

Audio-Service-Chef Marcus Broschk indes wollte den Vorfall gegenüber der »Berliner Zeitung« nur bestätigen, dass die Betroffenen in Tagesarbeitsverhältnissen stünden: »Mehr sage ich dazu nicht.«

Über 70 Call-Center mit etwa 7 000 Mitarbeitern sind derzeit in Berlin angesiedelt. Die Beschäftigten aber kennen auch die Kehrseite der Medaille. Hohe psychosomatische Belastungen sowie ungeschützte Arbeitsverhältnisse prägen ihren Alltag. Nach Schätzungen der IG Medien arbeiten die so genannten Call-Center-Agents in über 50 Prozent aller Fälle unter tarifrechtlich fragwürdigen Bedingungen. Aber auch die gesundheitlichen Belastungen sind in Call-Centern stark ausgeprägt. Forscher des Instituts für Psychologie an der Frankfurter Goethe-Universität fanden kürzlich heraus, dass Call-Center-Agents im Vergleich zu Bank- und Verwaltungsangestellten über deutlich mehr psychosomatische Beschwerden klagen. »Die Anforderungen an die Mitarbeiter sind sehr hoch«, gesteht denn auch Anne Stahl-Weiss, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Berliner und Brandenburger Call-Center. Im Herbst will das Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit zusammen mit Gewerkschaft und Berufsgenossenschaften Berliner Call-Center auf seine Arbeitsbedingungen hin überprüfen.

Die entlassenen Mitarbeiter haben inzwischen Kündigungsschutzklagen eingereicht. Die ersten so genannten gerichtlichen Gütetermine, in denen sich die Anwälte der beiden Parteien auf einen Vergleich einigen sollten, fanden am vergangenen Montag und Mittwoch statt. Bislang ohne Ergebnis, sagte Bernard. Aber er ist optimistisch, entweder »ein akzeptables Gesamtvergleichsangebot« von Audio Service zu erhalten oder die Kündigungsschutzklage mit Erfolg durchzusetzen. Der Vergleich soll den Betroffenen zumindest eine Abfindung sichern.

Jobs mit Abstrichen

Call-Center: Die Call-Center-Branche in Berlin boomt. Insgesamt gibt es 70 Call-Center in der Hauptstadt.

Vorteile: In den Einrichtungen entstanden in den letzten Jahren in Berlin rund 7 000 neue Arbeitsplätze.

Fördermittel: Call-Center können im Einzelfall mit bis zu 25 Prozent Fördermitteln finanziert werden.

Nachteile: Nach Angaben von Gewerkschaften und Mitarbeitern sind die Arbeitsbedingungen schlecht. Zum Teil müssen die Mitarbeiter auf übliche Sozialleistungen wie schriftlich unbefristete Arbeitsverträge, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sowie bezahlten Urlaub verzichten.



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