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Arbeitszwang: Umschulungen, Fortbildungen und »Stelle statt Stütze®«

Abendveranstaltung im Kato, im U-Bahnhof Schlesisches Tor, 22.11.2001, 19:30 Uhr

Zu Gast: Frank Rentscher vom AK Erwerbslose im DGB Marburg

Nachdem die schrödersche Beschäftigungsoffensive dem regierungsamtlichen Erklärungsmuster und den Angaben Roland Kochs zufolge mal wieder an der hartnäckigen Faulheit der Erwerbslosen gescheitert ist, werden jetzt die härteren Bandagen ausgepackt. Allein, das Erwerbslosendasein war schon immer alles Andere als ein Leben unter Sonne, Strand und Palmen. Zum schleichenden Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben gesellten sich bislang Sperrzeiten beim Arbeitsamt, Kürzungen der Sozialhilfe und im Extremfall gar die vollständige Streichung derselben. Schon seit den Bismarckschen Anfängen des deutschen Sozialstaatsmodells bildeten derlei sozialverwalterischen Zwangsmaßnahmen die repressive Kehrseite allzu romantischer Wohlfahrtsträume.

Nun kommt es aber noch dicker. Wurde früher zumindest dem Anspruch nach noch ein Existenzminimum abgesichert, so sind Erwerbslose heute in der öffentlichen Wahrnehmung nur noch ein Kostenfaktor, den es zu begrenzen gilt. Den vermeintlichen Arbeitsscheuen wird die Schuld an den steigenden Sozialversicherungskosten in die Schuhe geschoben, diese Lohnnebenkosten aber seien zum Wohle des »Standort Deutschland« abzusenken. Schuld seien schlicht die Erwerbslosen selbst, heißt es, weil sie zu unflexibel seien, zu schlecht ausgebildet, oder gar zu faul und somit das soziale Netz missbrauchen. Die neue Spezies des »Sozialschmarotzers« ward geboren. Dem soll jetzt mit einem Mehr an Eigenverantwortung und lebenslänglicher Weiterqualifizierung und einem Weniger an unverfrorener Anspruchshaltung an die Arbeitsbedingungen entgegen gewirkt werden. Die Maßstäbe der so genannten Zumutbarkeit werden immer weiter nach unten korrigiert. Die besonders Mutigen sollen überdies im kalten Wasser der Selbstständigkeit das Schwimmen lernen, um alsbald in aufstrebenden Gründerunternehmen viele neue schöne Arbeitsplätze zu schaffen. Besondere Hoffnungen richten sich dabei auf die Start-ups der Internetökonomie, auf den ausufernden Marketingbereich und ganz allgemein auf jegliche Dienstleistungen zum zweifelhaften Wohle von wem auch immer. Das wirklich Schöne an diesen ach so neuen Arbeitsplätzen aber sind die neuen Formen der Arbeitsverhältnisse, die keine Fesseln von Branchentarifverträgen mehr kennen, die die Idee des bezahlten Urlaubs für obsolet erklären. Alles ist so herrlich flexibel, da sind ruhig auch mal Arbeitszeiten von 7 Tagen die Woche drin, und wer sich gebraucht fühlt, kann auch bis zu 80 Wochenstunden ranklotzen. Zur Belohnung werden dann alle Eigentümer ihrer Unternehmen, dann arbeitet es sich noch besser.

Wer da nicht freiwillig mit macht, für den halten Arbeits- und Sozialämter dann die richtigen Mittel bereit: Fortbildung und Umschlungen, auch Arbeitsangebote, die nur ein Einkommen in der Höhe der Arbeitslosenhilfe versprechen (ungefähr 1000 DM im Monat), sind mit der gebührlichen Dankbarkeit entgegen zu nehmen. Die Reihe der arbeitsmarktpolitischen Segnungen ließe sich noch lange fortsetzen. So kommt es dann auch zu den netten Fortbildungen zum/zur Call-Center-AgentIn. Bei einer zweijährigen Ausbildung, inklusive zweier Praktika von 6 Monaten – unbezahlt, versteht sich. So bekommen die allseits subventionierten Betriebe auch gleich noch ein paar unbezahlte Arbeitskräfte dazu.

Wir wollen mit Betroffenen der ABM-Ökonomie, aber auch mit Vertretern von Bildungseinrichtungen sowie mit AgentInnen aus Call Centern über den Sinn und Unsinn solcher Maßnahmen diskutieren. Wir wollen einschlägige Erfahrungen zusammentragen. Was bringt das alles den Menschen in solchen Maßnahmen? Was haben die AgentInnen davon? Oder tragen vielleicht den meisten Nutzen nur die gut verdienenden Bildungseinrichtungen davon? Neben den Call-Center-Agenturen im Billiglohnsegment selbst natürlich.

Zum Thema:

AK-Erwerbslose im DGB Marburg: »Mähen Sie doch dem Nachbarn den Rasen. Was in ›Trainingsmaßnahmen‹ passiert«, LabourNet Germany, 10.10.2001



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