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Teile und Herrsche Part 2: Fest angestellte vs. prekär beschäftigte Agents

14.02.2002, 19:30, Zielona Gòra, Grünberger Str.73, Berlin Friedrichshain

Laut BGB gilt der Grundsatz, dass gleiche Arbeit gleich zu entlohnen sei. Die Wirklichkeit sieht freilich anders aus – insbesondere auch die Wirklichkeit in vielen Call Centern. In ein und demselben Großraumbüro arbeiten Leute nach unterschiedlichen Formen von Arbeitsverträgen – manche gleich gar ohne jeden Arbeitsvertrag. Die Studentin rechnet ihren Lohn über die Heinzelmännchen ab und ist de facto täglich kündbar, kriegt keinen bezahlten Urlaub und hat kein Einkommen mehr, wenn sie krank im Bett liegt. Andere sind formell gar nicht von Call Center angestellt, sondern verdingen sich über eine Zeitarbeitsagentur, die dann auch gleich einen Teil des Lohns als Provision einbehält. Dann gibt es da noch eine Kernbelegschaft, die ihren dort Lebensunterhalt erwirtschaftet und sozialversichert ist. Einige erhalten vom Betrieb für ihre Arbeit gar kein Geld, weil die Kosten vom Arbeitsamt übernommen werden, um so der Langzeitarbeitslosigkeit ein Ende zu setzen.

Alle sind so betrachtet also objektiv in je unterschiedlichen Situationen, sind unterschiedlichen Arten von Unsicherheiten ausgesetzt und definieren ihre Betriebszugehörigkeit je anders. Insbesondere legen die Beschäftigen unterschiedlich großen Wert auf bestimmte Interessen. Den StudentInnen ist die flexible Arbeitszeit wichtig, die ihnen erlaubt, eine Schicht auch mal kurzfristig abzusagen und zum Beispiel in einer Prüfungsphase einen Monat auszusetzen. Dafür nehmen sie die Risiken des mangelnden Kündigungsschutz etc. in Kauf. Die vom Arbeitsamt vermittelte Langzeitarbeitslose ist froh, der entwürdigenden Behandlung durch das Sozialamt entkommen zu sein und nimmt dafür auch eine schlechte Bezahlung in Kauf und findet die Monotonie der Arbeit nicht so schlimm. Sie ist der Geschäftsleitung dankbar dafür, nicht mehr auf der Straße zu sein. Im Gegensatz zu den StudentInnen sehen die Festangestellten wiederum in der Arbeit eine Lebensperspektive, die ihnen Aufstiegschancen bietet oder als Sprungbrett in besser bezahlte Stellen in anderen Betrieben dient, wenn sie sich in Eigeninitiative weiterqualifizieren.

Diese Segmentierung hat aber nicht nur Folgen für die eigene Selbstwahrnehmung, sondern hat auch Auswirkungen darauf, wie sich die Beschäftigten verhalten, wenn es im Betrieb zu Konflikten kommt. Die verschiedenen Beschäftigtengruppen sind eher auf ihre eigenen Interessen bedacht und konzipieren die jeweils anderen Gruppen eher als Feind oder Konkurrent. Die Festangestellten geraten unter Druck, wenn eine arbeitsverdichtende Maßnahme von den Flexiblen ohne Murren weggesteckt wird, sie aber infolge ihrer längeren Arbeitszeiten unter der Stressbelastung leiden. Und wenn wegen einer schlechten Auftragslage Kündigungen anstehen, haben die StudentInnen und ZeitarbeiterInnen keine Solidarität von den Festangestellten zu erwarten, da sie in ihren Augen weniger zu verlieren haben als sie selbst.

Es liegt auf der Hand, dass im Fall, wenn sich wirtschaftliche Interssen der Geschäftsleitung und die Belange der Beschäftigten widersprechen, die Geschäftsleitung keiner einheitlichen Front gegenüber steht. Die unterschiedlichen Gruppen lassen sich de facto gegeneinander ausspielen. Diese Abwesenheit von Solidarität in der Arbeiterschaft verhindert immer wieder ein effektives Einfordern von arbeitnehmerischen Interessen als solchen. Ein Kernproblem ist dabei die vorherrschende Meinung, dass sich soziale Absicherung und flexible Zeiteinteilung einander widersprächen. Unter anderem an diesem Punkt wollen wir mit Euch Handlungsstrategien entwickeln.

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