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Neues Deutschland vom 01.08.2000

Callcenter-Mitarbeiter wehren sich gegen Tagelöhnerverträge

Am vergangenen Donnerstag herrschte dicke Luft bei AudioService GmbH, der Callcenter-Tochter der Zweiten Hand in Berlin. »Verlassen Sie sofort mein Haus«, herrschte Geschäftsführer Markus Broschk eine Gruppe von Beschäftigten an. Sie waren gekommen, um ihm einen Protestbrief zu überreichen. Darin verweigerten 16 Beschäftigte ihre Zustimmung zur Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen, verlangten die Rücknahme [der] von der Geschäftsleitung in der letzten Woche ausgesprochenen Kündigungen und Vermittlergespräche zwischen Belegschaft und Beschäftigten.

Mit diesem Eklat spitzte sich eine länger schwelende Auseinandersetzung indem Berliner Call-Center zu, das unter Anderem den BVG-Club und die Siemens-Ausbildungshotline betreut. Aktuelle Auslöser waren neue Abrechnungsbögen, die Anfang Juli eingeführt wurden. Danach konnten die Mitarbeiter nur noch Tagesarbeitsverhältnisse abschließen. Die entsprechende Klausel lautet: "Das befristete Arbeitsverhältnis beginnt mit der fuer den jeweiligen Tag angegebenen Uhrzeit und endet automatisch mit der angegebenen Beendigungszeit, ohne dass es einer Kündigung bedarf." Schon bisher gab es für die Neudeutsch  „Agents" genannten Callcenter-Mitarbeiter keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, keinen bezahlten Urlaub, keine Zuschläge für Nachtarbeit.  Die Beschäftigten sprachen von Tagelöhnerverträgen und begannen mit ihren Protesten. Doch die Geschäftsleitung stellte sich stur. Sechs der aufmüpfigen Mitarbeiter sind fristlos gekündigt worden. Vor einigen Tagen wurde ein weiterer entlassen. Die verbleibenden Agents wurden in  Einzelgesprächen aufgefordert, ihre Forderungen zurückzuziehen. Dann wolle man so tun, als sei nichts geschehen. Ansonsten drohte ihnen ebenfalls die Kündigung.

Doch damit scheint die Ruhe in der Callcenter-Branche nicht wiederhergestellt. Im Gegenteil, mittlerweile wurde der Ruf nach der Gründung eines Betriebsrats laut. Die IG-Medien ist schon eingeschaltet. Ein überbetriebliches Unterstützungskomitee, dass sich fuer die Belange der Callcenter-Arbeiter stark macht, wurde gegründet.

Die AudioService GmbH ist dabei nicht als einzige Firma ins Visier geraten. Auf überbetrieblichen Treffen beteiligen sich Agents von vier Berliner Firmen. Dabei geht es in erster Linie um einen Erfahrungsaustausch sowie umjuristische Beratung der meist studentischen Mitarbeiter. Die unterschiedlichen Erfahrungen prallen auf diesen Treffen aufeinander. Längst nicht alle sind mit den Arbeitsbedingungen unzufrieden. Manche sind zumindest vorübergehend bereit, sie zu akzeptieren Einige werten sie als Ausdruck von Freiheit und Flexibilität. Doch die Zahl derjenigen ist im Wachsen, die um Tarifverträge kämpfen will.

Das Beispiel der AudioService GmbH könnte Schule machen. Gemeinsame Kampfmaßnahmen sind auch in anderen Callcentern nicht mehr ausgeschlossen. Dabei galten die [bis] vor noch nicht [langem] als arbeitskampffreie Zonen.

Peter Nowak



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