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07.09.01

Kundgebung vor EMNID

Mehrere der ehedem von Modalis bearbeiteten Auftragsstudien werden nunmehr unter dem Dach von EMNID fortgeführt. Die Löhne der Modalis-InterviewerInnen von Juni, Juli, August stehen indessen weiter aus. Das gab den Anlass für eine Kundgebung vor den Räumen von EMNID am gestrigen Donnerstag.

Auf der Kundgebung vor dem Telefonstudio des Markt- und Meinungsforschungsinstituts EMNID um 17.00 versammelten sich ca. 20 Leute, darunter einige Modalis-Agents, deren Bekannte, Leute von der Call Center Offensive und ein paar Aktivisten von Ver.di, die zum Zeichen ihres Protests eigens ihre Gewerkschaftsfahnen schwenkten.1 Bei EMNID hatte man sich schon mal auf den Besuch vorbereitet und vorsichtshalber die Eingänge durch eigens angeheuerte Bodyguards in schwarzem Outfit abgesichert. Auch hatte man extra einen Manager aus der Bielefelder Firmenzentrale eingeflogen. Ein Stapel Flyer, den die EMNID-Studioleitung bereit hielt, wurde dann doch nicht verteilt. Auf ihm hieß es: »Liebe InterviewerInnen, wir hoffen, dass ihnen durch die kleine Kundgebung keine Unannehmlichkeiten entstanden sind. (...) Wir können uns nicht so richtig erklären, warum die Kundgebung vor unserem Telefonstudio stattfindet.« Derweil hatten die beiden Chefs der Berliner Hotline GmbH die Szene vom gegenüber liegenden China-Restaurant aus fest im Blick. Nachdem alle Flugblätter verteilt waren und die anwesenden JournalistInnen von Neues Deutschland und Computerwoche alles erfahren hatten, löste sich die Kundgebung gegen 18:00 auf. Ob und wann die ausstehenden Gelder gezahlt werden, ist natürlich weiterhin völlig unklar.

Hintergrund der Aktion bildete der Umgang der amerikanischen Firma Modalis Research Technologies mit seinen hiesigen MitarbeiterInnen. Nachdem diese schon zuvor Verzögerungen in ihrer Bezahlung hingenommen hatten, müssen sie nun befürchten, womöglich ganz leer auszugehen. Nachdem Modalis ihre Berliner Niederlassung Ende August geschlossen hatte – aus Gründen, über die wir nur spekulieren können – gilt es nun, der drohenden unfeinen Art der Gewinnmaximierung entschieden entgegen zu treten und auf eine baldige Begleichung der Lohnforderungen zu drängen. Bislang schuldet Modalis mindestens 30 InterviewerInnen insgesamt mehrere Zehntausend Mark.

Für die ausstehenden Löhne erklärt sich derzeit niemand für offiziell verantwortlich: Die alte Modalis-Führung ist abgetaucht, die neue erklärt, dass sie nicht zuständig sei, der Mutterkonzern ist fern jenseits des Atlantiks und die EMNID-Geschäftsleitung will mit allem ohnehin nichts zu tun haben, obwohl das Geld für die weiter betriebenen Modalis-Projekte direkt von EMNID an die Agents überwiesen wird. Gerüchten zufolge will die EMNID-Mutterfirma TNS (Taylor Nelson) Modalis kaufen. Einigen ex-Modalis-Agents wurde das Warten und die Unsicherheit jedoch zu dumm. Und siehe da, kaum wurde die erste Aktion gegen Modalis bekannt, meldete sich jemand von selbst: Klaus König, der nach unseren Informationen die Modalis-Projekte für EMNID weiterführt, bot den InitiatorInnen der Kundgebung ein weiteres Gespräch an. Mittwoch Abend trafen sich dann knapp 30 Agents mit ihm und einem weiteren leitenden Angestellten. Herr König sah sich jedoch erneut außer Stande, konkrete Zusagen zu machen, alles hänge von der amerikanischen Mutterfirma ab. Darüber hinaus wollte er die Agents dazu bewegen, die Kundgebung abzusagen, und überdies die über zehn bereits laufenden Mahnverfahren sowie bereits eingeleitete Klagen und Anzeigen zurückzunehmen. Bis Ende September sollten nach seinem Wunsch möglichst keine Aktionen stattfinden, da bis dahin der Verkauf der Firma über die Bühne gehen soll. Überdies sei er schließlich auch selbst in der gleichen misslichen Lage wie die Agents. Denn er habe Tausende Mark in Firmenanteile investiert, bekomme ebenfalls noch Geld usw. Die große Mehrheit der anwesenden Agents sprach sich anschließend gegen die geplante Kundgebung aus. Die Hoffnung, durch Gespräche und individuelles Nachhaken eher an die ausstehenden Löhne zu kommen, überwog. Die Mahnverfahren wollte allerdings niemand zurückziehen.

1 Richtigstellung: Die Autoren beeilen sich, die fehlende Information nachzutragen, dass es sich bei den Ver.di-AktivistInnen um gewerkschaftlich organisierte ehemalige Modalis-MitarbeiterInnen handelte. Auch beschränkten sie sich keineswegs darauf, Fahnen hoch zu halten. Vielmehr verteilten auch sie das Flugblatt (der CCO), um emnid-MitarbeiterInnen, PassantInnen und Presse zu informieren. (09.10.01)



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