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Radiobeitrag auf NDR 4 am 15.02.2001, morgens

Betriebsräte in Call Centern - von Axel Leu

Anmod.: »Schönen guten Tag, was kann ich für Sie tun.« - Mit Engelsstimmen begrüßen Sie die Call Center Agenten, wenn Sie telefonisch Karten fürs Musical bestellen oder beim Abo-Service ihrer Tageszeitung anrufen. Immer nett, immer höflich lautet die Devise, aber das ziemlich schnell, denn Zeit ist Geld. Call Center Agenten stehen unter hohem Druck. Doch Kündigungsschutz und Tarif-Arbeitsverträge sind in der Branche eher Fremdwörter. Mit der Reform zur betrieblichen Mitbestimmung hoffen die Gewerkschaften nun auf mehr Betriebsräte in den Unternehmen. Axel Leu mit einer Bestandsaufnahme:

Betriebsräte in Call Centern sind Mangelware. Als Industriearbeiter des 21. Jahrhunderts in der New Economy genießen Call Center-Agenten kaum gewerkschaftlichen Schutz. Denn die Geschäftsleitungen haben Angst vor dem Verlust ihrer Flexibilität. Flexible Arbeitszeiten und flexible Arbeitsverhältnisse bedeuten in der Branche meist nichts anderes, als dass man Leute heuert und feuert, je nach Auftragslage. Man möchte Herr im eigenen Haus bleiben und vermeidet deshalb jegliche Form von gewerkschaftlicher Mitbestimmung. Andreas Köhn, stellvertretender Landesvorsitzender der IG-Medien in Berlin und Brandenburg, weiß wie schwierig es ist, Betriebsräte in Call Centern zu installieren:

Take 1- Köhn: »Erste Schwierigkeit ist, dass sich die Geschäftsleitungen dagegen vehement wehren. Zweitens ist natürlich ein Problem, dass es im Call Center Bereich sehr viele prekäre Arbeitsverhältnisse gibt, sehr viele Teilzeitkräfte, bzw. Kräfte auf Honorarbasis beschäftigt werden, eine sehr hohe Fluktuation ist, dass es natürlich schwer wird auch einen Betriebsrat von Seiten der Beschäftigten dort zu installieren.«

Denn die Belegschaften bestehen meistens zu zwei Dritteln aus Studenten und Schülern, die nebenbei jobben. Nur rund ein Drittel der Beschäftigten haben eine Festanstellung. Doch auch die ist in Gefahr, sofern man sich für einen Betriebsrat und Mitbestimmung engagiert. Tim Herodeck, Call Center Agent bei der Berliner Hotline GmbH, kann davon ein Lied singen:

Take 2- Herodeck (13 sec.): »Wir sind fristlos entlassen worden, da wir uns aktiv für einen Betriebsrat eingesetzt haben. D.h. wir haben unsere Einladung zur Betriebsversammlung vorgelegt und mit unserem Namen unterschrieben und gesagt, hier, wir als Teil der Belegschaft wollen eine Betriebsversammlung zur Wahl eines Wahlvorstandes.«

Während die Hotline unterdessen einen Wahlvorstand eingesetzt hat, führen Tim Herodeck und weitere zwanzig Kollegen eine Kündigungsschutzklage gegen die Geschäftsleitung. Er kann sich gut vorstellen dort wieder zu arbeiten. »Am liebsten im Betriebsrat«, sagt der gebürtige Kieler. Von der Reform für die betriebliche Mitbestimmung erhofft er sich vor allem einen besseren Kündigungsschutz für Call Center Agenten. Für IG Medien-Mann Köhn ist die Einigung zwischen Arbeitsminister Riester und Wirtschaftsminister Müller nur der Auftakt für mehr Mitbestimmung:

Take - Köhn (20 sec.): »Wir halten das erstmal für einen Schritt in die richtige Richtung und ein gutes Signal, dass die Mitbestimmung weiter ausgebaut werden soll und das eben auch gerade im Bereich der New Economy. Damit es noch schneller und besser möglich ist Betriebsräte zu installieren und die Rechte der Beschäftigten gewahrt werden.«

Vor allem in der Call Center und IT-Branche sieht er gewaltigen Nachholbedarf. Denn 16 Stunden-Arbeitstage und überstrenge Leistungskontrollen, sollten schon längst der Vergangenheit angehören.



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