Klartext -Zeitung der PDS in Friedrichshain-Kreuzberg

ARBEITS-LEBEN MÄRZ 2001 • SEITE 3

Arbeitskampf im Hotline-Callcenter

Seit Anfang Dezember bemühen sich eine Reihe von Call-Agents (Telefonierer)um die Schaffung eines Betriebsrates in der »Hotline Kommunikationsdienste GmbH «in der Grünberger Straße in Friedrichshain. Damals verkündete die Geschäftsleitung die Entlassung von ca. 30 Agents aufgrund zu schwacher Auftragslage. Verbunden war dies mit erhöhtem Leistungsdruck und der Androhung von weiteren Entlassungen. Mithilfe der IG-Medien wurde die Geschäftsleitung darauf hingewiesen, dass Arbeitnehmer einen Betriebsrat wünschen. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: es wurde wieder gedroht und »argumentiert «,dass Betriebsräte und Gewerkschaften veraltet seien und den »dynamischen Prozess «eines Callcenters lediglich verbürokratisieren würden. Bei einer ersten Betriebsversammlung Ende Januar sollte dann endgültig das Projekt Betriebsrat durch die Geschäftsleitung begraben werden. Geplant war dazu eine Abstimmung unter den Mitarbeitern. Nach dem Hinweis, dass dies laut Betriebsverfassungsgesetz verboten sei, fand diese nicht statt. Stattdessen entwickelte sich eine heftige Diskussion zwischen den Agents und der Geschäftsleitung, aber auch unter den Agents über das Für und Wider eines Betriebsrates. Trotzdem sprach sich die Mehrheit der Agents für eine betriebliche Mitbestimmung aus. Bei einem zweiten Treffen einige Tage später legten 4 Mitarbeiter, darunter auch ich, eine Einladung zur Betriebsversammlung zur Wahl eines Wahlvorstandes vor und baten darum, diese aushängen zu dürfen. Daraufhin erhielten wir die fristlose Kündigung und Hausverbot. Noch am selben Tag wurden 19 weitere Agents entlassen und des Hauses verwiesen. Dabei handelte es sich um Agents, die sich für einen Betriebsrat ausgesprochen hatten oder nur in diesem Verdacht standen. Bei einer zweiten Betriebsversammlung kam es dann doch noch zur Wahl eines Wahlvorstandes Dieser soll eine Betriebsratswahl vorbereiten. Außerdem wurde eine Petition mit der Forderung verabschiedet, die Entlassenen wieder einzustellen. Die Geschäftsleitung reagierte darauf verhalten, kündigte aber Gespräche mit einzelnen Entlassenen an. Dies ist bis heute nicht geschehen, deshalb klagen wir auf Wiedereinstellung. In den meisten Callcentern herrschen prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Scheinselbstständigkeit, schlechte Bezahlung und kein Kündigungsschutz, selten dagegen betriebliche Mitbestimmung. Das wollen wir ändern.

Tim Herudek, Infos: www.callcenteroffensive.de

Fragen an Hotline-Geschäftsführer Hartmut Horst:

Weshalb die harten Reaktionen auf die beabsichtigte Betriebsratsbildung?

Wir hatten lange Zeit ein sehr gutes Betriebsklima. Mit dem plötzlichen harten Konflikt habe ich nicht gerechnet. Es waren vor allem einige Studenten, die bei uns jobbten, die in der Firma ein politisches Experimentierfeld gesucht haben. Dabei wurden wir zum Teil als schlimme Ausbeuter dargestellt. Großer Unsinn: Wir sind seit Mitte 1999 in Friedrichshain und haben hier über 100 Arbeitsplätze geschaffen – mit Bedingungen, wie man sie in unserer Branche kaum vorfindet. Wir achten auf gute Arbeitsbedingungen, investieren viel in die Ausbildung, bezahlen anständig, es gibt Krankengeld und Urlaubspauschale. Unter den Beschäftigten sind zwölf Nationalitäten vertreten.

Aber es gibt nicht die gesetzlich vorgesehene Mitbestimmung ...

Mitbestimmung ist in Ordnung, aber wir wollten uns die Form nicht von außen aufdrücken lassen. Die Geschäftsleitung war stets gesprächsbereit und über unser Intranet können alle Probleme, auch anonym, aufgeworfen werden. Ein geschäftlicher Rückschlag und die harte Debatte hatten das Betriebsklima auf den Nullpunkt sinken lassen. Da musste ich reagieren, um den Betriebsfrieden zu sichern. Bei den Entlassungen ging es nicht einzig um die Einstellung zum Betriebsrat, es waren längst nicht alle Befürworter betroffen.

Jetzt bekommen Sie den nicht gewünschten Betriebsrat doch?

Es sieht so aus. Ein Wahlvorstand ist gebildet worden, als Geschäftsführer halte ich mich aus diesem Prozess jetzt aber raus. Es war sicher für alle Seiten ein Lernprozess.

Wie stehen Sie zur Forderung nach Wiedereinstellung der Entlassenen?

Bei einigen sind wir gesprächsbereit, bei anderen nicht. Wir werden von Fall zu Fall sehen, ob und wie noch eine Konfliktlösung möglich ist.

Das Gespräch führten Peter Steiniger und René Schulze



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