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20.06.2001

Betriebsratswahlen im Hause Hotline

Nach einigen Querelen und mehreren aus unserer Sicht »betriebsratswahlbedingten« Kündigungen wählte die Belegschaft des Berliner Call Centers der Hotline Kommunikationsdienste GmbH ihren Betriebsrat. Über das Verhältnis von Betriebsratsarbeit, Betriebsfrieden und Betriebsklima darf nun spekuliert werden.

Nun ist es so weit. Nach einigen Schwierigkeiten und Widerständen, auf die der Wunsch nach der Bildung eines Betriebsrats auf Seiten der Geschäftsleitung und selbst einiger Teile der Belegschaft gestoßen war, waren die ca. 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hotline Kommunikationsdienste GmbH in Berlin Friedrichshain am 5. Juni dazu aufgerufen, über die Zusammensetzung ihres zukünftigen Mitbestimmungsorgans zu entscheiden. Zur Wahl standen KandidatInnen für fünf Posten des Gremiums.

Im unmittelbaren Vorfeld der Wahlen waren Unstimmigkeiten über den Wahlmodus aufgetreten. Zunächst war man davon ausgegangen, dass eine Persönlichkeitswahl stattfinde. Als bekannt wurde, dass auch vordem gekündigte KollegInnen kandidierten, wurden manche Einzelkandidaturen zurückgezogen und statt dessen gleich drei Listen eingereicht. Nachdem die restlichen Kandidaturen nunmehr als eine weitere Wahlliste fortbestanden, konnte man schließlich sein Kreuzchen einer von vier »Parteien« zuteilen. Bei der Variante der Listenwahl hatten nun die kandierenden »Ehemaligen« allerdings das Nachsehen, weil sie sich am unteren Ende der Kandidatenliste eingetragen hatten. Abgesehen von dieser vermutlich unbeabsichtigten Benachteilung hätte eine Persönlichkeitswahl eine direktere Form demokratischer Abstimmung dargestellt.

Bei einer Wahlbeteiligung von 65 % machten schließlich zwei der vier Listen das Rennen. Im Betriebsrat wird sich in Zukunft also eine Teilung der Belegschaft in zwei Meinungslager widerspiegeln – nennen wir sie das »modernistische« und das »betriebsdemokratische« Lager. Die »modernistische« Liste errang mit 46 % der gültigen Stimmen drei Sitze. Ihre Mitglieder vertraten vor und während des Wahlkampfs Ansichten, die der »Philosophie« der Geschäftsleitung in weiten Teilen folgen. Ihre Wahlkampfrhetorik entsprach den Grundbegriffen der modernen Unternehmensführung: Flexibilität, Leistungsbereitschaft, Selbstverantwortlichkeit, Interessenkonvergenz aller Betriebsangehöriger usw. Die Vertreter des anderen, eher gewerkschaftlich orientierten Lagers konnten immerhin 32 % der gültigen Stimmen auf ihre Liste vereinen, die ihnen zwei Sitze im Betriebsrat verschaffen. Am schlechtesten schnitt mit nur 9 % der Stimmen diejenige Liste ab, deren Wahlkampf sich in überzogener Polemik gegen die »demokratische« Liste erschöpfte.

Einige Frustration bescherte den »Betriebsdemokraten«dabei die hypothetische Rechnung: Wieviele Stimmen hätten wir erhalten, wären nicht im Vorfeld 23 MitstreiterInnen und SympathisantInnen entlassen worden. Antwort: 57 %. Inwieweit ins Gewicht fiel, dass die »Modernisten« nach Auskunft der »Betriebsdemokraten« im Vergleich einen größeren Raum für ihren Wahlkampf genossen, während die »betriebsdemokratischen« Flugblätter häufig flugs verschwanden, sei dahingestellt.

Im »betriebsdemokratischen« Lager betrachtet man aufgrund der Erfahrungen am Arbeitsplatz die »neuen« Werte der New Economy mit einiger Skepsis. Die KandidatInnen dieser Liste hatten zuvor die Betriebsratswahlen allererst initiiert. Ihr Leitgedanke war von Anfang an ein höheres Maß an Demokratie im Betrieb gewesen. Von transparenten Befugnissen und Informationsrechten verspricht man sich eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Dies zuallererst in Form einer Verringerung der unternehmerischen Willkür bei personalbezogenen Entscheidungen und einer Abhilfe für die von einzelnen MitarbeiterInnen mehrfach beklagte Schlechterbehandlung.

Wie die Zahlen belegen, scheiden sich in dieser Frage der ideologischen Grundausrichtung selbst die Geister der flexibel telefonierenden StudentInnen. Denn auch hier entschieden sich schätzungsweise fast die Hälfte der werdenden AkademikerInnen für die Glaubensinhalte der neuen Flexibilität und der direkten Kommunikation – oder enthielten sich der Stimme.

Für eine Interpretation der Ergebnisse ist es gegenwärtig noch zu früh. Bereits jetzt ist allerdings der außergewöhnliche Charakter dieser Betriebsratsgründung festzuhalten. Es handelt sich hier um ein relativ spektakuläres Ereignis für diesen Bereich der Ökonomie. Denn noch immer verfügen fast alle sog. freien Call Center in Berlin – also solche, die nicht eine bloße Unterabteilung eines Konzerns sind, sondern ihre Dienste im Auftrag Anderer abwickeln – über keine betriebliche Mitbestimmung, viele – darunter auch Hotline – gewähren nicht einmal elementare arbeitnehmerrechtliche Absicherungen.

Es wäre übereilt, hier vorschnell von Verlierern und Gewinnern zu sprechen. Denn man kann es auch so sehen: Immerhin verfing sich die optimistische New–Economy–Vision, die sich des verschwörerischen Feindbildes eines geschäftsschädigenden und ignoranten »Außen« in Gestalt von Gewerkschaften und sonstigen politischen Amateuren (wie der Call Center Offensive ...) bediente, keineswegs durchgängig in den Köpfen unterm Headset. Zweitens kann die betriebsdemokratische Liste auch bereits das bloße Zustandekommen der Wahl als Erfolg für sich verbuchen.

Abzuwarten bleibt jetzt freilich, wie sich die Arbeit der Betriebsrats in Zukunft gestalten wird. Viele Entscheidungen erfordern einen Konsens der Betriebsratsmitglieder. Dieser wird aber vermutlich angesichts abweichender Meinungen oftmals schwer zu haben sein. Darüber hinaus steht ein Teil des Betriebsrats in einem inneren Rollenkonflikt. Die TeamleiterInnen unter ihnen sind nun einerseits dazu gewählt, die Interessen der Beschäftigten zu vertreten. Andererseits sind sie aber als Teamleiterin oder Teamleiter ihrem je wechselnd zusammengesetzten Team vorgesetzt und müssen Weisungen von oben nach unten umsetzen.

Zur Vorgeschichte siehe insbesondere: »Kündigungen bei Hotline« (14.03.2001) und Robert Hagen: »Knacken in der Leitung. Betriebsratsgründung mit Hindernissen in Berliner Call Center«, ak – analyse & kritik vom 12.04.2001.

Wir dokumentieren:

»Kündigungen bei Hotline« (14.03.2001)

Pressemitteitung (14.03.2001)

Flugblatt 3 (28.2.2001) (Die Gekündigten an die KollegInnen ...)

Flugblatt 2 (6.2.2001)

Hotline GmbH torpediert Betriebsratsinitiative +++ Pressemitteitung (03.02.2001)

Flugblatt 1 (29.1.2001)

Presse/Medien:

Richard Rother: »Gericht stellt Betriebsrat durch«, taz berlin vom 21.06.2002 (Artikel und Kommentar)

Fernsehbeitrag über den Konflikt bei HOTLINE in dem Magazin Klartext im ORB am 17.04.2001 (Transkription und online-streaming)

Robert Hagen: »Knacken in der Leitung. Betriebsratsgründung mit Hindernissen in Berliner Call Center«, ak – analyse & kritik vom 12.04.2001

Jana Schmidt: »Die Antifa darf nicht mehr ans Telefon«, taz berlin vom 12.04.2001

»Heißer Draht«, soli 3.01 (Zeitschrift der DGB-Jugend), März 2001

Stefan C. Dickmann: »Sie wollen einen Betriebsrat gründen? Sie sind entlassen!«, Hamburger Abendblatt vom 12.03.2001

Peter Steiniger & René Schulze: »Arbeitskampf im Hotline-Callcenter«, Klartext -Zeitung der PDS in Friedrichshain-Kreuzberg, März 2001

Jörn Boewe: »Angst vor ›Sturmtruppen‹. Callcenter-Beschäftigte wollen mitbestimmen - Manager tun sich schwer«, Berliner Morgenpost vom 05.03.2001

Klaus Fischer: »Jetzt Chance für Betriebsrat bei Hotline GmbH?« (Interview), junge Welt vom 15.02.2001

»Kommunikation war ihr Geschäft«, telepolis, 15.02.2001

Radiobeitrag auf NDR 4 am 15.02.2001, morgens

»23 Mitarbeiter des Call-Centers Hotline GmbH wurden entlassen«, Berliner Abendblatt (Lokalausgabe Friedrichshain) vom 14.02.2001, Seite 1

»›Wir durften noch unsere Jacken holen, dann mussten wir gehen‹«, AFP am 13.02.2001

Marlene Sommer: »Sag niemals Sie«,, Jungle World vom 07.02.2001

Klaus Fischer: »Gefeuert wegen versuchter Betriebsratsgründung?« (Interview), junge Welt vom 05.02.2001

Richard Rother: »Wildwest im Call-Center«,, taz berlin vom 05.02.2001

Richard Rother: »New Economy - old struggle«,, taz berlin vom 05.02.2001 (Kommentar)

Marlies Emmerich: »Erstmals Protest vor einem großen Call-Center«, Berliner Zeitung vom 01.02.2001

Richard Rother: »Betriebsrat bald mit Headset«, taz berlin vom 31.01.2001

P.S.: Daß sich Unternehmen bisweilen den Mitbestimmungsrechten ihrer Belegschaft widersetzen, ist nichts allzu Neues. Das ist eine Marktlücke, dachten sich da wohl Dr. Schreiner + Glaner, die »Arbeitgeberseminare« anbieten, darunter zum Thema »In 3 Jahren ohne Betriebsrat, Kündigen von Betriebsräten und anderen schwer kündbaren Arbeitnehmern« ...





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