Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hotline Kommunikationsdienste GmbH

Wie Ihr in den letzten Tagen wahrscheinlich alle bemerkt habt, wurde am vergangenen Freitag mehreren Agents die Kündigung ausgesprochen. Betroffen sind in vorderster Linie diejenigen, die sich öffentlich für die Einrichtung eines Betriebsrats ausgesprochen haben. Und die diese Institution als Interessenvertretung der ArbeitnehmerInnen verstanden haben wollten, und nicht - wie jetzt geplant - als verlängerten Arm der Geschäftsführung. Die Kündigungen (fristlose und mit 14tägiger Frist) sind bei fast allen Betroffenen gekoppelt an ein Hausverbot. Somit können wir zum einen die uns innerhalb der Kündigungsfrist noch zustehenden Arbeitsstunden nicht wahrnehmen. Zum anderen haben wir kaum noch die Möglichkeit, Euch zu erreichen und Euch zu erzählen, was hier wie und warum alles geschehen ist. Deshalb versuchen wir es nun auf diesem Weg.
Wir - das sind über 20 entlassene Agents. Darunter: [17 Namen] (Liste unvollständig).
Wie Ihr wisst, gab es letzten Montag eine Betriebsversammlung. Dort haben sich viele der Anwesenden für die Gründung eines Betriebsrats ausgesprochen, und diesen Wunsch auch begründet. Zur Erinnerung: Ein Betriebsrat ist eine gesetzlich legitimierte und abgesicherte Institution zur Vertretung der ArbeitnehmerInneninteressen, der auf vier Jahre von den MitarbeiterInnen und aus ihrer Mitte heraus, gewählt wird. Betriebsräte geniessen Kündigungsschutz, müssen vor Entlassungen angehört werden und können somit willkürlichen Kündigungen (wie jetzt geschehen) zumindest entgegenwirken. Sie können bei Gesprächen mit der Geschäftsführung anwesend sein, unterstützen, bezeugen und beraten, beispielsweise bei Mobbing, persönlichen Problemen mit Vorgesetzten oder rechtlichen Unklarheiten. Sie können das alles - sie müssen das nicht, wenn nicht nötig.
Die Geschäftsleitung monierte: Betriebsräte seien altmodisch, zu teuer, bürokratisch, und gewerkschaftlich ferngesteuert. Sie würden den betriebsinternen Umgang formalisieren. Gedroht wurde bereits im Vorfeld der Versammlung - offen und in Einzelgesprächen - mit Rausschmiss und Lohnsenkung. Offiziell hieß es dann am Montag wie auch der Presse gegenüber, niemand werde aufgrund seiner Äusserungen auf der Versammlung oder einer Fürsprache für den Betriebsrat entlassen.
Eine Woche später: Alle Agents, die sich für die Gründung eines Betriebsrats ausgesprochen haben oder denen dies (warum auch immer) unterstellt wird, sind gekündigt! Für die eiligst nach den Kündigungen am Freitag ausgeschriebene Wahl zum Wahlvorstand kandidieren die, die am lautesten, vehementesten und beleidigensten gegen eine solche Einrichtung gewettert haben!
Ein Betriebsrat muss nichts sein, könnte viel sein - auf keinen Fall aber sollte er der verlängerte Arm der Geschäftsführung sein!
Dass die Situation in der Hotline sowie die Methoden der Geschäftsführung auch auf ein reges öffentliches Interesse gestossen sind, verdeutlicht eigentlich vor allem eins: In diesem relativ neuen Dienstleistungsbereich herrschen in weiten Teilen prekäre Arbeitsverhältnisse (hier geht es nicht um Kaffee, Partys oder Du/Sie) die allein berlinweit mittlerweile über 6000 Call-Center-Agents betreffen. Und deshalb ist dies kein Problem zwischen »einer kleinen Störergruppe, die das Unternehmen Hotline zerstören will« und der Geschäftsleitung und dem Rest der MitarbeiterInnen. Das Problem ist ein allgemeines und kann jederzeit die Allgemeinheit treffen. Genau dagegen wollten und wollen wir uns wehren!

Die Gekündigten

Berlin im Februar 2001



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