Dieser Flyer ist von MitarbeiterInnen der Hotline geschrieben.

Wir danken den VerteilerInnen!

Betriebsrat für die HOTLINE !


Die IG Medien hat sich an die Geschäftsführung der Hotline gewandt, um dieser mitzuteilen, daß MitarbeiterInnen in der Hotline einen Betriebsrat (BR) wünschen. Deswegen sollte am 31. 01. eine ordentliche Betriebsversammlung, die mit dem regulären Arbeitslohn bezahlt werden muß, stattfinden. Folgende Tagesordnungspunkte hat die IG Medien vorgeschlagen: Aufgaben eines Betriebsrats und des Wahlvorstandes, Wahl des Wahlvorstandes. Die Geschäftsführung hat diese Einladung nicht ausgehängt, sondern versucht heute durch eine eigene Betriebsversammlung einen BR zu verhindern.

Die Unterschiede zu der „eigentlichen Betriebsversammlung“ sind eindeutig: Die Arbeitgeber und die leitenden Angestellten dürften nicht teilnehmen, ein Gewerkschaftler, nicht ein Rechtsanwalt der Hotline hätte uns den Sinn eines BRs erklärt und die Bezahlung wäre garantiert gewesen. Wir haben weiterhin das Recht eine ordentliche Betriebsversammlung einzuberufen, egal was heute passiert!


Warum braucht man einen Betriebsrat?


Betriebsräte sind eine Selbstverständlichkeit! Damit die ArbeitnehmerInnen der Geschäftsleitung nicht allein und isoliert gegenüberstehen, brauchen sie eine gemeinsame Interessenvertretung. Gewerkschaft und Betriebsrat unterstützen die ArbeitnehmerInnen bei eventuellen Problemen.

Betriebsräte und Gewerkschaften kommen aus der Mode, gerade in CallCentern gibt es häufig weder BRs noch einen Manteltarifvertrag, häufig werden noch nicht mal gesetzliche Mindeststandards eingehalten, die den Streß am Kommunikationsfließband allerdings auch nur minimal verringern. Die ArbeitnehmerInnen haben ungeschützte Arbeitsverhältnisse. Studentische Billigarbeitskräfte werden gegen die mehr oder weniger Festangestellten (hire and fire gehört zum Geschäft) ausgespielt und halten die Löhne niedrig.

Der gnadenlose Preiskampf der Branche wird auf dem Rücken der Angestellten ausgetragen: Die CallCenter brauchen BRs, damit einheitliche Standards für Arbeitszeit, Bezahlung (auch im Krankheitsfall!), Atmosphäre, etc. ... geschaffen werden. Aber BetriebsRäte müssen in jedem Betrieb einzeln durchgesetzt werden!


Warum brauchen wir einen Betriebsrat?


Ist die Hotline nicht das ArbeitnehmerInnen-Paradies? Nein! Zwar bekommen wir täglich die Errungenschaften moderner Betriebsstrukturen präsentiert: flachhierachische Betriebskommunikation ("Du, Jürgen...), große Reden von Solidarität und Familie Hotline, Betonung der großen sozialen Leistungen der Geschäftsleitung. Daß es trotzdem ein Oben und Unten gibt, spüren wir in den letzten Monaten doch deutlich. Solidarität meint Corporate Identity. Spätestens bei ökonomischen Engpässen wird klar, daß Arbeitgeber- und ArbeitnehmerInneninteressen nicht immer übereinstimmen. Nicht die Geschäftsführung wird entlassen, sondern wir! Nicht die Geschäftsführung muß die neuen Gesprächszeiten einhalten, sondern wir! Wir dürfen uns auch keine cholerischen und von Paranoia geprägten Ausfälle leisten, sondern wir müssen sie uns anhören.

Auch die Reaktion der Hotline auf das Schreiben der IG Medien zeigt, wie die Rhetorik des BOs funktioniert: Während man uns belügt und bedroht, wird nach außen der Sozialbetrieb gespielt. Es wird behauptet, daß der Gewerkschaftler begeistert über die Zustände in der Hotline war und deswegen kein BR nötig wäre. Dann wird gedroht, daß der Lohn gekürzt werden müßte, wenn ein BR kommt und daß es nie ein BR geben wird,... . Der Gewerkschaft wird aber geschrieben, ein BR zu gründen wäre kein Problem, aber die MitarbeiterInnen sollten selbst mit diesem Anliegen zur Geschäftsführung kommen. Damit sich die Hotline das Porto für die Kündigungen sparen kann!

Daß in der Hotline die Bezahlung im oberen Drittel (aber nicht an der Spitze) liegt, es bezahlte Pausen, Urlaubspauschale (nur für die StudentInnen!) und Kaffee gibt, ist gut. Ein Grund, warum wir hier alle schon so lange arbeiten. Lange Verweildauer der Angestellten ist in anderen CallCentern unüblicher als die Vergünstigungen a là Hotline, die es auch anderswo gibt. Das ist aber auch der wirtschaftliche Hintergrund der Maßnahmen: Alle drei Wochen neue MitarbeiterInnen zu schulen, ist auch nicht im Hotline-Interesse. Aber nur weil es CallCenter gibt, die schlechter sind, muß bei uns nicht alles bestens sein. Z.B. haben wir keine festen Arbeitsverträge, weder die sogenannten Festangestellten noch die StudentInnen, dabei sollte unsere Firmentreue auch mal mit Beschäftigungssicherheit belohnt werden.

Die Hotline versucht sich als soziales und linkes Unternehmen zu verkaufen. Der Umgang mit der BR-Forderung beweist nur zu gut, daß das nicht stimmt! Es gibt keinen Grund für eine Lohnkürzung, wenn ein BR kommt! In der Hotline wäre der BR noch nicht einmal vollständig von der Arbeit freigestellt. Die Ankündigung einer Lohnkürzung ist ein reines Druckmittel! Wenn wir eine Geschäftsleitung haben, die so unsere Verträge mißachten möchte, dann brauchen wir einen Betriebsrat.




Wir brauchen nicht nur einen Betriebsrat, sondern auch Solidarität!


Wir wußten, daß ein BR in der Hotline nicht erwünscht ist. Aber wir hatten schon einen professionelleren Umgang erwartet. Eigentlich ist ein BR für ein Unternehmen mit über 150 Beschäftigten was ganz normales. Die interne Kommunikation würde professioneller werden. Die „linke“ Hotline reagiert aber hart, darüber sollten wir uns alle im klaren sein. Wenn wir uns dagegen wehren wollen, brauchen wir Solidarität. Unterstützung haben uns schon die IG Medien, die CallCenterOffensive und Journalisten großer Tageszeitungen zugesagt. Außerdem hat sich ein leitender Angestellter strafbar gemacht, weil er mit Konsequenzen gedroht hat; ein Trumpf, der noch stechen kann.

Die StudentInnen, die nur zweimal die Woche kommen und jederzeit einen anderen Job für den Club-Eintritt (kein unberechtigtes Interesse) annehmen können, sollten sich trotzdem einen Augenblick in die Lage der Festangestellten versetzen, die jeden Tag in der Hotline sind, jeden Tag den Streß haben, und nicht annähernd die Arbeitsbedingungen und Bezahlung erhalten, wie ihre KollegInnen in anderen Berufen und vor Entlassungen - wie wir neuerdings wissen - auch nicht geschützt sind.

Die Hotline versucht einiges um die Solidarität unter den Beschäftigten zu verhindern: Hetze gegen angebliche "Nörgler und Faulpelze", die als Kollegenschweine diffamiert werden. Keine KollegIn hat schlecht gearbeitet um andere mehr arbeiten zu lassen, sondern weil Kundenorientierung ihr/ihm wichtig war. Wenn das nicht mehr wirtschaftlich ist, dann kann man das aber auch anders verändern: mit Verständins statt mit Druck! Und: Kollegenschweine waren am Fließband die, die durch bessere Arbeitsleistung die Stückzahlen hochgeschraubt oder KollegInnen denunziert haben.

Die TeamleiterInnen sind mittlerweile so aufgehetzt worden, daß sie jedes Gefühl für die Verhältnismäßigkeit verloren haben, einige haben schon kompetenzüberschreitend mit Entlassungen gedroht. Eine Mischung aus Angst, Denunziantentum und Schleimerei ist in die Hotline eingekehrt.


Was ändert ein Betriebsrat?


Sinn und Zweck eines Betriebsrates ist es nicht, schlechte Stimmung zu produzieren oder die Firma in die Pleite zu treiben, sondern lediglich mehr Demokratie und Mitbestimmung durchzusetzen. Wir alle wollen in einer Firma mit angenehmer Atmosphäre arbeiten; ohne ständige Angst um unseren Arbeitsplatz und vor unseren Vorgesetzten. Ein Betriebsrat kann den Leistungsdruck nicht ganz abschaffen. Aber: Wir bekommen Beistand in Rechtsfragen, die IG Medien unterstützt jetzt schon mit Erfolg, der erste vierstellige Betrag hat eine neue Besitzerin, entlassene MitarbeiterInnen mit Rechtsanwälten, die auf Abfindungen/Wiedereinstellung klagen. Er wird ungesetzliche Maßnahmen wie Lohnabzüge für Dinge, die man nicht verantworten konnte, verhindern. Eure Vorschläge wird er gegenüber der Geschäftsleitung vertreten, z.B. Verlängerung der Gesprächszeiten. Wer von uns traut sich das alleine vorzuschlagen? Er kann bei "Gesprächen" mit der Personalleitung dabei sein. Er kann helfen, die Bezahlung im Krankheitsfall/Urlaubsgeld für Festangestellte und feste Arbeitsverträge durchzusetzen. Auch wenn Jürgen seine Drohung, die er im Dezember gegenüber einem Entlassenen gemacht, nicht wahr macht, alle StudentInnen bis zum 01. März 2001 zu entlassen, so ist durch die weitere Umstrukturierung zu mehr Vollzeitkräften mit zahlreichen Entlassungen zu rechnen.

Eine Vertrauensperson ist kein Ersatz für einen Betriebsrat. Auch ein Betriebsrat wird von Euch gewählt; und zwar unter Ausschluß der Arbeitgeber, ein Vorteil, den wir heute noch sicher verstehen werden. Er hat genau die Aufgabe, die eine Vertrauensperson haben soll, er ist für Eure Anliegen dar. Aber er ist nicht von der Gnade der Geschäftsleitung abhängig, er kann nicht gekündigt, sondern nur von Euch abgewählt werden. Es ist eine KollegIn von Euch, die ihr kennt und keine abstrakte Institution. Nur hat ein BR gesetzlichen Schutz, damit er ohne Angst mit der Geschäftsführung über Eure Probleme reden kann.

Es geht nicht darum, uns alle zu überzeugen, der Gewerkschaft beizutreten, sondern ein ein Klima zu schaffen, in dem wir alle gerne arbeiten, unsere Rechte eingehalten und Entlassungen sozial abgefedert werden. Der Betriebsrat wird nicht alles in der Hotline dominieren, sondern ein Hilfsangebot für alle MitarbeiterInnen sein.

Ein Betriebsrat ist für uns da! Die Geschäftsleitung wird sicher zu diesem Schreiben Stellung beziehen, die AutorInnen schlecht machen, auf die schwierige Finanzlage hinweisen und weiterhin mit "Zuckerbrot und Peitsche" die Beschäftigten in der Hotline spalten wollen.

Laßt Euch davon nicht beirren.


Kontakt und mehr Text über: ich-will-einen-betriebsrat@gmx.de




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