AFP 13.02.2001

»Wir durften noch unsere Jacken holen, dann mussten wir gehen«

In der »New Economy« ist es mit Mitbestimmung oft nicht weit her

München/Berlin, 13. Februar (AFP)

Das Tempo der »New Economy« erfasste Tim Herudek schneller, als ihm lieb war: »Wir durften noch unsere Jacken holen, dann mussten wir gehen.« Weil sie einen Betriebsrat gründen wollten, landeten der 24-Jährige und 22 weitere Angestellte vom Berliner Call-Center Hotline GmbH Anfang Februar auf der Straße. Trotz Kaffeerunden beim Chef und dem selbstverständlichen »Du« zwischen Vorgesetzten und Angestellten: Beim Thema Mitbestimmung scheint auch in den Start-Up-Unternehmen die Freundlichkeit aufzuhören. Für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) täte Arbeitsminister Walter Riester (SPD) deshalb gut daran, mit seiner Reform des Betriebsverfassungsgesetzes den Angestellten mehr Rechte zu ermöglichen. Doch Unternehmen wie das Münchener Internet-Portal ciao.com fürchten viel mehr, dass die Politik ihnen mit neuen Auflagen den Schwung nehmen wird. Die Initiative der Hotline-Angestellten verlief laut DGB nach klassischem Muster: Zunächst war der Betrieb erfolgreich und die Angestellten zufrieden. Im Dezember wurden dann aber plötzlich 30 Mitarbeiter wegen mangelnder Aufträge entlassen, und die Übriggebliebenen machten sich Sorgen. »Sobald die Belegschaft merkt, dass sie ihre finanziellen Ansprüche oder Rechte individuell nicht mehr durchsetzen kann, kommt die Idee zur Selbstorganisation«, sagt Helga Nielebock, Referentin beim DGB. Knapp die Hälfte der Beschäftigten hierzulande arbeitet zwar in einem Unternehmen mit Betriebsrat, doch sieht die Situation in kleinen Firmen eher düster aus. Während es in Unternehmen mit mehr als 300 Beschäftigten in über 90 Prozent einen Betriebsrat gibt, ist dies bei Betrieben mit bis zu 20 Mitarbeitern gerade mal in vier Prozent der Fall. Besonders betroffen sind die Neugründungen in der IT-Branche. »In allen diesen Firmen, die auf der grünen Wiese hochgestampft werden, sind die Arbeitsbedingungen traditionell nicht geregelt«, sagt Nielebock. Nach frühestens fünf Jahren - sobald die ersten Mitarbeiter zum »alten Eisen« gehören und sich nach Kontinuität sehnen - würden dann die ersten Bestrebungen zur Selbstorganisation gestartet. Ein Konzept, dass für ciao.com-Sprecher Kaspar Pflüger noch jenseits des Vorstellbaren liegt. »Ein Betriebsrat widerspricht einfach unserer internen Struktur und flachen Hierarchie.« ciao.com ist nach eigenen Angaben Europas größtes Verbraucherportal im Internet und beschäftigt zur Zeit im deutschen Mutterhaus 50 Angestellte. »Bei uns ist jeder Mitarbeiter ein kleiner Unternehmer«, sagt Pflüger. »Da guckt jeder für sich, wie er am besten weiterkommt.« Kündigungen häten in den eineinhalb Jahren seit Unternehmensgründung noch keine Rolle gespielt, und auch die Gehälter lägen zumindest im Durchschnitt der bayerischen Landeshauptstadt. Von Seiten der Belegschaft gebe es deshalb keinen Bedarf nach einem Betriebsrat. »Wir sehen jetzt aber mit Sorge, dass Riester da in die Mitbestimmung eingreifen will. Damit werden die positiven Entwicklungen zur Liberalisierung unter Schröder doch in Frage gestellt,« fürchtet Pflüger. Beim Call-Center Hotline hat die Geschäftsführung mittlerweile dem anhaltenden Druck der Angestellten nachgegeben. Die Mitarbeiter dürfen Betriebsratswahlen auf den Weg bringen. Ob Herudek und die anderen entlassenen »Aufständischen« davon profitieren, ist allerdings noch offen. Sie versuchen derzeit, über den Klageweg ihre Wiedereinstellung zu erreichen.



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