Berliner Abendblatt vom 14. Februar 2001

23 Mitarbeiter des Call-Centers Hotline GmbH wurden entlassen

»Betriebsrat lassen wir uns nicht aufdrücken«

Friedrichshain. »Hire and fire« - schnell anheuern und ebenso flink wieder gefeuert werden, in Call-Centern ist dieser Umgang mit den Arbeitnehmern gängige Praxis. Die Hotline GmbH versteht sich als verhältnismäßig arbeitnehmerfreundlich. Doch als einige Mitarbeiter (Agents) einen Betriebsrat gründen wollten, wurden sie entlassen.

Ehemalige Hotline-Agents und Mitarbeiter der Call-Center-Offensive demonstrierten in der vergangenen Woche vor dem Gebäude der Firma in der Grünberger Straße. Sie protestierten gegen die Entlassung von 23 Hotline-Mitarbeitern wenige Tage zuvor. »Wir sind entlassen worden, weil wir uns seit Mitte Dezember um eine Betriebsratsgründung bemüht haben«, so Tim Herudek, Sprecher der gefeuerten Agents.

Von etwa 180 Beschäftigten arbeiten 150 studentische Teilzeitkräfte bei Hotline. Der Ruf nach einem Betriebsrat wurde laut, nachdem sich Ende des vergangenen Jahres das Arbeitsklima bei Hotline merklich verschlechterte. Ein Auftraggeber sprang ab, in folge dessen wurden 30 Agents entlassen. »Die Kündigungen wurden vollkommen willkürlich ausgesprochen, es wurde nicht nach sozialen Kriterien entschieden oder danach, wie lange jemand schon bei der Firma tätig war«, kritisiert Manfred Föllmer, Gewerkschaftssekretär der IG Medien.

Der Geschäftsführer der Hotline GmbH, Hartmut Horst, weist die Anschuldigung zurück: »Vollzeitkräfte werden nicht ohne weiteres entlassen, denn in diesen Fällen kann der Verlust des Arbeitsplatzes existentiell bedrohlich werden.« Nach der Entlassungsaktion verschlechterten sich die Arbeitsbedingungen für die übrigen Agents: »Von uns wurde verlangt, für das gleiche Geld mehr Telefonate in kürzerer Zeit zu absolvieren. Individuell wurde Druck auf die Mitarbeiter ausgeübt nach dem Motto ›Wer nicht mithält, wird entlassen‹ «, erzählt Herudek. Viele Mitarbeiter seien verängstigt gewesen. Nach einer Weihnachtsfeier sei es zu einem anderen kuriosen Vorfall gekommen: Nachdem einige Biergläser gestohlen wurden und der Täter nicht gefunden wurde, wurde sämtlichen Angestellten der Lohn um fünf Mark gekürzt. Um der Geschäftsleitung ein Gremium entgegensetzen zu können, sannen einige Agents auf die Wahl eines Betriebsrats und wandten sich hilfesuchend an die Gewerkschaft IG Medien. »Jeder Betrieb mit mindestens fünf wählbaren Mitarbeitern hat ein Recht auf einen Betriebsrat. Der sorgt für die Einhaltung der Schutzrechte der Arbeitnehmer und prüft Einstellungen und Entlassungen«, erklärt Föllmer. Die Gewerkschaft beriet die jungen Leute im Alter zwischen Anfang 20 und Anfang 30 in den entsprechenden Rechtsfragen und stärkte ihnen den Rücken. Der Geschäftsleitung war diese Einmischung offensichtlich zu viel: »Wir wollen von außen keinen Betriebsrat aufgedrückt bekommen«, erklärt Horst. »Unsere Verträge sind weit von richtigen Arbeitsverträgen entfernt«, bemängelt Herudek weiterhin. Beispielsweise gebe es keine Bezahlung im Krankheitsfall. Geschäftsführer Horst findet die Bedingungen für die Agents bei Hotline überdurchschnittlich gut: »Wir waren das erste Call-Center, das Urlaubsgeld eingeführt hat, alle Verträge haben eine mindestens zweiwöchige Kündigungsfrist und die Bezahlung liegt im oberen Drittel.« Von der IG Medien bekamen die Studenten den Tipp, die Wahl eines Betriebsrats zunächst in einem anonymen Brief zu fordern, um möglichen Repressalien zu entgehen. »Daraufhin erklärte die Geschäftsleitung, dass es in der Hotline GmbH niemals einen Betriebsrat geben wird und drohte mit Gehaltskürzungen und notfalls Massenentlassungen«, erinnert sich Herudek. Als vier Agents bei der Geschäftsleitung nachfragten, ob sie die Einladung zur Betriebsratswahl im Gebäude aufhängen dürften, wurden sie im direkten Anschluss gefeuert. »Im Laufe des Tages folgte die Entlassung von 19 weiteren Mitarbeitern, die sich für einen Betriebsrat ausgesprochen hatten oder auch nur unter Verdacht standen, dieses Gremium zu befürworten«, so der Sprecher. Gekündigt wurde zunächst ohne Begründung, in neun Fällen fristlos. »Es gab verschiedene Gründe. Zum einen wurden die Agents wegen der Störung des Betriebsfriedens entlassen, zum anderen weil einige von ihnen unzuverlässig waren«, erklärt Horst. Der Geschäftsführer behauptet, dass einige Mitarbeiter ohnehin kurz vor ihrer Entlassung standen. »Wir kündigen ungern, deswegen haben wir gleich alles in einem Abwasch gemacht.« Darüber hinaus wurde den Entlassenen ein Hausverbot ausgesprochen. Für die Ex-Mitarbeiter und die IG Medien steht fest: Die Hotline GmbH hat sich strafbar gemacht. »Wer eine Betriebsratswahl behindert kann mit Geldstrafen und sogar Gefängnis rechnen«, erklärt Föllmer. Inzwischen lenkte die Geschäftsleitung ein. Es wurde ein Wahlausschuss zugelassen, der eine Betriebsratswahl vorbereitet. Nicht umsonst wird Hotline die endgültigen Kündigungsbegründungen von einem Anwalt formulieren lassen: Denn die entlassenen Agents wollen gegen die Firma vor Gericht ziehen. »Zwanzig Kündigungsschutzklagen haben wir schon in der Hand«, erklärt Föllmer. »Es kann kein anderes Urteil geben als eine Wiedereinstellung.« Hartmut Horst sieht dem Gang vor das Arbeitsgericht ebenso gelassen entgegen: »Das ist ein ganz normaler Vorgang.«



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