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30.07.2003

Akkordarbeit? Nein Danke! – Proteste bei Emnid

Emnid betreibt Markt- und Meinungsforschung, also Telefonumfragen. Die meisten InterviewerInnen sind SchülerInnen und Studis; sie haben den Status »freier MitarbeiterInnen«. Emnid spart damit Sozialabgaben, braucht keine festen Arbeitsverträge zu unterzeichnen und zahlt auf Honorarbasis (Geld gibt`s für erfolgreich abgeschlossene Interviews, die Bezahlung ist je nach Länge und Auftraggeber mehr oder minder mies). Bisher war es so, dass es bei einem Verdienst unter 6 Euro/Stunde eine Zulage von Emnid gab, die diesen Mindestverdienst garantieren sollte. Vom 1. Juli 2003 an wurde diese Zulage gestrichen, und zwar für alle, die länger als sechs Monate dort arbeiten; Neueren wurde eine Schonfrist (»Eingewöhnungszeit«) eingeräumt. Für alle anderen läuft es auf Akkordarbeit hinaus, mit dem Risiko, Emnid ihre Arbeitskraft bei mies laufenden Studien gegebenenfalls gratis zu opfern. Kein Zufall, dass diese Maßnahme auf den Beginn der Ferienzeit fällt: Gerade haben viele FerienjobberInnen angefangen, die eh nicht so lange dort arbeiten wollen.

Dennoch, und obwohl die Kürzung erst zwei Wochen vor ihrer Inkraftsetzung in einem lapidaren Schrieb in der Abrechnung angekündigt wurde, regt sich Widerstand. Interviewer in verschiedenen Studios haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam die Rückkehr zu der bisherigen Regelung zu fordern.

Was bisher stattgefunden hat: In Göttingen und Bielefeld wurden Unterschriften gesammelt (mit der Möglichkeit, statt mit Namen einfach als Emnid-Mitarbeiter / -Mitarbeiterin zu unterzeichnen), was in erster Linie dazu diente, sowohl den AktivistInnen als auch den Studioleitungen ein Stimmungsbild über das Ausmaß des Unmuts zu vermitteln. Dieser ist groß: In Göttingen unterschrieben weit über 90% der Angesprochenen. Außerdem wurden E-Mail-Verteiler eingerichtet, über die die KollegInnen regelmäßig über den Stand der Dinge informiert werden, und über die versucht wird, Aktivitäten in den verschiedenen Studios zu koordinieren. In Göttingen finden zudem regelmäßige Treffen der aktivistischeren KollegInnen statt, auf denen das gemeinsame Vorgehen abgesprochen wird.

In Göttingen wurde die Studioleitung anlässlich der Übergabe der Unterschriften aufgefordert, sich gegenüber der Geschäftsführung in Bielefeld hinter die Forderung der InterviewerInnen zu stellen. Immerhin wurde dabei eine Informationsveranstaltung vereinbart, bei der auch die MitarbeiterInnen ihre Position darstellen konnten. Während in dem Schreiben an die InterviewerInnen noch von einer Streichung mit einzelnen Ausnahmen gesprochen wurde, hieß es nun auf der Veranstaltung, nicht die Aufwandsentschädigung, sondern der »Automatismus der Aufwandsentschädigung« sei gestrichen; wer weniger als sechs Euro pro Stunde verdient, könne jederzeit die Zulage einfordern. Offen erklärt wurde jedoch, dass die Zahlung von einem Vergleich der persönlichen Anrufstatistik mit dem Gesamtdurchschnitt abhänge und man damit angeblich »faule« MitarbeiterInnen loswerden wolle.

Die InterviewerInnen sehen darin den Versuch, die Konkurrenz untereinander zu verschärfen und sie selbst daran mitarbeiten zu lassen, immer härtere Leistungskriterien durchzusetzen. Sie fordern daher weiterhin eine fest garantierte Aufwandsentschädigung und werden weiterhin an der Durchsetzung dieser Forderung arbeiten.

EMNID-MitarbeiterInnen, Göttingen

Siehe auch: Flugblatt Juli 2003

Wir dokumentieren:

Flugblatt (Juli 2003)

Grete Dornfelder: »Die neuen Jobs für Studierende – Arbeitsstellen für mündige Menschen?«, 27.11.2001

Flugblatt (30.10.01)

»Neue Rahmenverträge bei EMNID Bielefeld – die Agents beginnen sich zu wehren« (10.09.01)

Flugblatt (09.09.01)

»Emnid rückte vorerst davon ab, den Grundlohnlohn abzuschaffen« (02.06.01)

»Emnid schafft Grundlohn ab« (30.04.01)

Flugblatt (30.04.01)

Weniger Arbeit - mehr Geld! (Flugblatt zum Stücklohn)

Mindesturlaubsgesetz für Arbeitnehmer (Bundesurlaubsgesetz – BUrlG)





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