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09.09.2001

Wir kriegen noch was von Euch!

Teil 1: zum Beispiel bezahlten Urlaub

Bei EMNID arbeiten heißt: schwankender Lohn, ständige Überwachung durch Reinhören (auch »Qualitätskontrolle« genannt), den Einleitungstext mindestens 1000 mal pro Schicht runterleiern, sich den Mund fusselig reden, sich über harte oder weiche Geburtstagsschlüssel ärgern und die Worte »vollkommen zufrieden, sehr zufrieden, zufrieden, weniger zufrieden oder unzufrieden« aus dem privaten Wortschatz zu streichen – auf Arbeit wird man sie noch oft genug sagen.

Bei EMNID arbeiten heißt weiter: sich genau überlegen, ob man die Pause jetzt wirklich machen will, weil's nicht bezahlt wird, viel zu lange Fragebögen, Abbrüche im Interview, die einem natürlich auch nicht bezahlt werden, bzw. die Zielperson vollschleimen, damit sie das Interview auch zuende macht. Und wenn's ganz schlimm kommt, bedeutet bei EMNID arbeiten, die erste Champions-League-Halbzeit zu verpassen oder die Simpsons ... Muss das denn sein? Nö. Eigentlich nicht ...

EMNID hat Telefonstudios in Bielefeld, Berlin, Göttingen, Köln und München.

Bei EMNID arbeiten wir formal als Selbstständige – »freie Telefoninterviewer« nennen sie das – ohne jede Rechtssicherheit. Konkret: wir bekommen keinen bezahlten Urlaub, schon gar kein Krankengeld und wir genießen nicht den geringsten Kündigungsschutz. Dabei arbeiten wir eigentlich genau wie ArbeitnehmerInnen: weisungsgebunden, immer für den gleichen Auftraggeber undundund, aber angeblich sind wir freie MitarbeiterInnen. Gut für EMNID: so müssen sie nämlich keine Sozialabgaben für uns zahlen und die anderen oben genannten Dinge sparen sie auch.

Das muss nicht so bleiben.

Zum Beispiel bezahlter Urlaub ...

Der steht laut Bundesurlaubsgesetz allen »arbeitnehmerähnlich« Beschäftigten – also auch freien MitarbeiterInnen – zu: ab 6 Monaten Beschäftigung die gesetzlich fixierten 24 Urlaubstage, sonst anteilig zur Beschäftigungszeit entsprechend weniger. Auch wenn man in jedem normalen Arbeitsvertrag mehr als dieses absolute Minimum vorfindet, sollte man sich diesen Urlaub trotzdem nicht entgehen lassen – entspricht schließlich einer Lohnerhöhung von fast 10%. Im Bielefelder EMNID-Studio haben einige Agents daraufhin bezahlten Urlaub gefordert, drei von ihnen per Klage vor dem Arbeitsgericht. Da EMNID solche Klagen scheut wie der Teufel das Weihwasser (könnte ja sein, dass ein Gericht einen Präzedenzfall schafft und EMNID fortan allen MitarbeiterInnen Urlaubsgeld zahlen muss ...), strebt die Geschäftsleitung nun eine außergerichtliche Einigung an und bietet den renitenten Agents 24 bezahlte Urlaubstage im Jahr – nur dass EMNID offenbar noch etwas wirre Vorstellungen von den Modalitäten des Anspruchsnachweises seitens der Agents hat. Darüber wird weiter verhandelt. Auf der anderen Seite verteilt EMNID in Bielefeld seither neue Rahmenverträge an die InterviewerInnen, in denen diese sinngemäß erklären sollen, auf sämtliche etwaigen gesetzlichen Ansprüche freiwillig zu verzichten. Ob so ein Vorgehen vor Gericht Bestand hat, ist noch nicht geklärt. Tatsache ist, dass die Unterschrift unter einen solchen »Vertrag« den juristischen Aufwand, die redlich verdienten Urlaubsansprüche geltend zu machen, doch erheblich erhöht. Wer sich aber für das volle Sozialleistungspaket interessiert, sollte mal überlegen, ob sich nicht eine Klage vor dem Arbeitsgericht auf Feststellung des Arbeitnehmerstatus lohnt. Auch hier gibt es bereits den Versuch seitens eines – noch – »freien Telefoninterviewers« aus Bielefeld. Der Prozess beginnt Mitte September und wir dürfen gespannt sein, was sich EMNID einfallen lässt, um das Gericht von der Legalität des Status Quo zu überzeugen.

Pech für uns, wenn wir unser Recht nicht einfordern!

Das Bundesurlaubsgesetz in voller Länge bei: www.callcenteroffensive.de

P.S.: Dieses Flugblatt wird in den EMNID-Studios in Bielefeld, Berlin, Göttingen und Köln verteilt.



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