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Was bislang geschah: Bislang hatten wir (Call Center Offensive) zu einigen Call Center Agent-Treffen ins Zielona Gora geladen. Den Weg dorthin fanden einige Agents aus 4 unterschiedlichen Call Centern, darunter auch relativ viele aus dem Audioservice-Call Center. Auf den Treffen fand man im gegenseitigen Erfahrungsaustausch heraus, daß fast niemand der Anwesenden einen ordentlichen Arbeitsvertrag hatte, sondern von den jeweiligen Geschäftsleitungen i.d.R. auf rechtlich zweifelhafte Rahmenverträge verwiesen wurde. Die Arbeitsverhältnisse waren also allesamt informell in dem Sinne, daß den Beschäftigten keinerlei arbeitsrechtliche Mindeststandards (v.a. hinsichtlich Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, bezahlten Urlaubstagen und einer Kündigungsfrist zuerkannt wurden (bzw. werden). Diese im Grunde widerrechtliche Sachlage wurde den Anwesenden besonders deutlich, als man sich von einem hierzu eingeladenen Anwalt entsprechende Auskünfte einholte. Dabei kristallisierte sich eine Art juristisches Paradox heraus, das nunmehr für die Audioservice-Leute quasi zur zynischen empirischen Realität umgesetzt wurde. Dazu komme ich gleich. Zunächst zum Paradox selbst: Es bestehen zwar rein rechtlich ein paar Mindestanforderungen an legale Beschäftigungsverhältnisse (die ihrerseits auch schon nicht leuchtende Utopien darstellen, da sie bspw. keinerlei Mindestlöhne festlegen ...), aber faktisch bestehen kaum effektive Sanktionierungsmechanismen zu ihrer Umsetzung bzw. Einhaltung. V.a. bei Abwesenheit von Betriebsräten - und darüber hinaus bei nicht vorhandenen Arbeitgeberverbänden, mit denen Tarifverträge überhaupt auch nur ausgehandelt werden könnten. Insbesondere sind Arbeitnehmer in keinerlei Weise dagegen geschützt, in dem Falle vor die Tür komplimentiert zu werden, da sie ihre Arbeitnehmerrechte tatsächlich (individuell) einklagen.

Speziell die Kollegen und Kolleginnen von Audioservice sahen sich veranlaßt, relativ kurzfristig etwas zu unternehmen. Denn die Unternehmensleitung hatte den Beschäftigten eine Vereinbarung zur Unterschrift in die Postfächer, in denen sie dem zustimmen sollen, grundsätzlich immer nur je einen Tag lang von Schichtbeginn bis zum Schichtende in einem Arbeitsverhältnis zu stehen. Dies mag zwar rechtlich recht fragwürdig sein. Fakt ist aber, daß sich im Falle einer geleisteten Unterschrift die Verhandlungsposition bei einer zukünftigen Auseinandersetzung vor dem Arbeitsgericht verschlechtert hätte. Denn die Richter könnten sich – so die geteilte Einschätzung – zumindest möglicherweise auf den Standpunkt stellen, daß die Beschäftigten ja offenkundig selbst nicht davon ausgingen, in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis zu stehen, und so die Klage der Arbeitnehmer negativ bescheiden. Folglich verweigerte man diese Unterschrift. Da man aber nicht offen konfrontativ vorgehen wollte, bat man der Geschäftsleitung zunächst Verhandlungen über verbesserte Bedingungen an – will heißen, man strebte eine höhere Absicherung gegen das individuelle Risiko des kurzfristigen Jobverlusts und der eigenen Krankheit an. Man überreichte der Geschäftsleitung also einen Brief mit dem Inhalt dieses Anliegens.

Der nächste Akt dieses Schauspiels: Die Geschäftsleitung stellte jedoch auf stur. Sie kündigte erst die Überbringer des oben erwähnten Schreibens, und dann nach und nach alle, die die Unterschrift nicht geleistet haben, mit der sie der tageweisen Beschäftigung zustimmen. 13 Leute sind bereits gekündigt, einige werden noch ihre Kündigung ausgehändigt bekommen, wenn sie aus dem Urlaub zurückkehren. Auch die relativ große Zahl der Personen (ca. 20), die sich gegenseitig unterstützten und in einem zweiten Schreiben die Wiedereinstellung der zuerst Geschaßten verlangten, konnte die Geschäftsleitung nicht von ihrer Bulldozerstrategie abbringen. Statt dessen stellt sie neue Leute ein – »tageweise«, versteht sich. Und zur gleichen relativ schlechten Bezahlung (15 Mark pro Std.).

Der dritte Akt. Die gefeuerten Agents klagen auf Wiedereinstellung, da faktisch ein unbefristetes Arbeitsverhältnis bestanden hat, weil sie länger als 6 Monate regelmäßig dort arbeiteten und fest in die Schichtpläne eingeteilt waren. Man strebt an, sich (gerichtlich oder außergerichtlich („gütlich“)) auf die Zahlung eines Monatsgehalts (entsprechend der gesetzlichen Kündigungsfrist) zuzüglich einer Abfindung zu einigen. Die Call Center Agents fordern eine Abfindung in Höhe von mindestens dem Betrag eines Monatslohnes mal ¾ der Anzahl der Jahre der Beschäftigungsdauer. Die Geschäftsleitung bietet aber das ganze nur mit dem Faktor ½ an.

Besonders entmutigend und auch zynisch stellt sich uns gegenwärtig aber v.a. folgende Tatsache dar. Für Audioservice rechnet es sich eher, diese Kosten in Kauf zu nehmen, als jedem Beschäftigten normale Verträge zu geben. Selbst, wenn wir fortwährend die Leute zusammen trommelten, und ihnen nahelegten, doch mal zu versuchen, ihre Rechte einzuklagen! Auch politisch ist bislang wahrscheinlich niemand richtig bereit, sich über solche Zustände ernsthaft aufzuregen, weil wir uns doch über jeden Arbeitsplatz freuen müssen. Und wir wissen nicht, wie viele Fördergelder der Call Center so eingestrichen hat oder immer noch kassiert.

Berlin, 08.08.2000





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