home

Rede auf der Anti-Hartz-Demo am 5.12.02

Liebe Demonstrantinnen und Demonstranten, Erwerbslose und Erwerbsarbeitende, liebe Call Center Agents,

ich begrüße Euch im Namen der »Call Center Offensive« auf dieser Demonstration gegen Niedriglohn, Leiharbeit und Arbeitszwang. Die »Call Center Offensive« ist eine kleine Gruppe, die versucht, Selbstorganisierungsprozesse von Telefonistinnen und Telefonisten in Call Centern anzuregen.
Mit wem haben wir es hier zu tun? Erst haben die Gewerkschaftsapparate unserer Regierung im Wahlkampf geholfen, jetzt schiebt ihnen diese Regierung die Möglichkeit zu, Leiharbeit zu regulieren. Da haben sie vorher keinen Fuß in die Tür bekommen. Mit denen haben wir es zu tun.
Und deshalb freuen wir uns über Gewerkschaftsmitglieder auf dieser Demonstration, die sich gegen ihre Führungen vom Potsdamer Platz oder dem Frankfurter IG Metall Hochhaus stellen und damit für eine Gewerkschaft eintreten, die die Konkurrenz der Lohnabhängigen zu mindert, statt weiter zu spalten.

Die Call Center Offensive ist Teil des »Berliner Bündnisses für soziale Grundrechte  Stoppt die Hartz-Pläne«, weil wir bereits seit Jahren in Call Centern mit ungesicherten Beschäftigungsverhältnissen, miesen Löhnen und Arbeitsbedingungen und deren Folgen zu tun haben.
Wir können daher schon jetzt ein Lied singen,

Insofern sind uns einige Entwicklungen, die mit der Arbeitsmarktreform viel breiter kommen sollen oder werden bereits vertraut. Wir wissen daher: erstens kommt es anders und zweitens als die Regierung denkt:

Erstens hat diese Politik bislang nur bewirkt, dass die Bundesländer in ihrer Konkurrenz um Arbeitsplätze Wirtschaftsförderungsgelder in Betriebe gesteckt haben, in denen zu relativ schlechten Arbeitsbedingungen überwiegend mieser Service an zum großen Teil überflüssigen Produkten geboten wird. Im Gegensatz zu den Wirtschaftswunderversprechungen der 90er Jahre hat dieser Erfolg der Marketing-Lobby inzwischen dazu geführt, dass Call Center reihenweise »gesundgeschrumpft«, dicht gemacht oder zusammengelegt werden. Aktuelle Fälle sind die Unternehmen Citibank und Commerzbank, die jeweils zwei Call Center schließen, um die Telefonarbeit an einem Standort zu konzentrieren.
Und was wurde aus denen, die die Ämter in Call Center-Schulungen gesteckt haben? Sie kriegen keine Stellen, nachdem sie die Gratispraktika abgearbeitet haben.
Doch wir kämpfen nicht für Arbeitsplätze, sondern für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen. Daher werden wir schließenden Call Centern keine Träne nachweinen. Unser Problem ist es nicht, dass die Call Center-Branche den Bach runter geht.
Das Problem hat die Regierung. Denn ihre Politik kann nicht funktionieren: Die Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise lassen sich nicht besänftigen, indem die sie Maßnahmen beschließt, die auf Kosten des unteren Drittels der Bevölkerung gehen.

Zweitens wissen wir aus unserer Praxis aber auch: Auch in ungesicherten Arbeitsbedingungen, auch mit gespaltenen Belegschaften, auch in der Umschulung und auch auf dem Amt und selbst im Call Center können sich Erwerbsarbeitende bzw.  Erwerbslose auch ohne Apparat gegen Zumutungen wehren und eigene Ansprüche vertreten.

Die Regierung und ihre Verbündeten werden mit ihrem Vorstoß gerade so weit kommen, wie wir sie lassen.
Deshalb: Vom Klassenkampf nicht nur reden!
Unsere Parole: Weniger Arbeit, mehr Geld!

Ich wünsche uns im weiteren noch eine entspannte Demonstration, aber auch, dass uns in Zukunft noch was anderes, weitergehenderes einfällt, als zu demonstrieren.

Zum Schluss noch ein Verweis auf unsere Website, auf der ihr euch über Arbeitsbedingungen und Arbeitskämpfe in Call Centern informieren könnt:
www.callcenteroffensive.de
info@callcenteroffensive.de





startseite · wer wir sind · mailto:info@callcenteroffensive.de · veranstaltungshinweise · arbeitskämpfe · beschreibungen berliner call center · rechtshilfe · publikationen zum thema · links · impressum